Castoriadis über Stinas

„Ich stellte schnell fest, dass die kommunistische Partei über nichts Revolutionäres verfügte und dass es sich lediglich um eine chauvinistische und völlig bürokratische Partei handelte (heutzutage würden wir es eine „totalitäre Mikrogesellschaft“ nennen). Nach einem Reformversuch zusammen mit anderen Genossen, einem Versuch, der, wie erwartet, schnell scheiterte, trat ich zurück und trat der linkeren trotzkistischen Partei bei, die von einem unvergesslichen Revolutionär geführt wurde, nämlich Spiros Stinas.“

Im explosiven Klima vom besetzten Athen trat Castoriadis 1943 der trotzkistischen Gruppe von Aghis Stinas bei und, wie er selbst sagt, „brach ich jeden Kontakt zur kommunistischen Partei ab und gab jeden Versuch einer potentiellen Reform der Partei auf.“ Aghis Stinas (Pseudonym des Kämpfers Spiros Priftis aus Korfu) war eine der größten Persönlichkeiten der griechischen Widerstandsbewegung und eine der Personen, die die spätere Entwicklung des castoriadisschen Denkens tief prägten. Zu Stinas Gruppe gehörten unruhige und scharfsinnige Jugendliche und einige ausgegrenzte Kämpfer. Castoriadis erinnert sich später: „Das war die Zeit, Ende ’42, Anfang ’43, in der ich mit Hilfe eines sehr guten und verstorbenen Freundes zum ersten Mal Spiros traf und sofort von seiner Scharfsinnigkeit, seinem Mut und der Standhaftigkeit seiner politischen Ansichten begeistert war – vielleicht so wie noch nie in meinem Leben – und trat der Organisation bei, die er zusammen mit Dimosthenis Voursoukis, Giannis Tamtakos und weiteren Kämpfern aufblühen ließ.“

Sein Beitritt zur Gruppe von Stinas stellte eine dauerhafte doppelte Gefahr für sein Leben sowohl seitens der Faschisten als auch seitensder Kommunisten dar, aber er gab ihm zumindest die Möglichkeit, Werke von Trotzki, Suvarin, Serge und Barmin zu lesen. Außerdem war das der Beginn einer langen Freundschaft mit Stinas, die bis zum Tod des Letzteren im Jahre 1989 anhielt.

Die entscheidende politische Erfahrung, die Castoriadis für den Rest seines Lebens prägte, waren die Ereignisse vom Dezember 1944, als die britische Armee auf Demonstranten im Zentrum von Athen das Feuer eröffnete und dadurch blutige Kämpfe in der ganzen Stadt entfachte, die einen Monat lang anhielten. „Die endgültige Enthüllung jedoch, der „Moment der Wahrheit“, waren für mich die Dezember-Ereignisse (Dekemvriana). Was im Dezember 1944 geschah, war weder mit den trotzkistischen noch mit den marxistischen Anschauungsformen der Gesellschaft und der Geschichte zu vereinen.“ Castoriadis war uneinig mit den Trotzkisten, die glaubten, die Ereignisse wären eine Vorankündigung revolutionärer Änderungen und sah die Aufgabe der kommunistischen Partei deutlich in den späteren Entwicklungen.
Unerschütterlich beharrte er darauf – was sich später als sein typisches Merkmal erweist – dass die kommunistischen Parteien nicht darauf abzielten, durch eine Revolution eine klassenlose Gesellschaft zu bilden, sondern an die
Macht zu kommen und eine parteiliche Diktatur zu gründen. Mit seinen eigenen Worten: „Die Beobachtung und die Erfahrung der stalinistischen Bewegung während der Besatzung zeigte mir immer klarer ihren totalitären Charakter. Ihre organisatorische Struktur war (und bleibt noch heute überall) völlig totalitär. Keine interne Diskussion war möglich und keine andere Meinung oder irgendeine Art von Opposition innerhalb oder außerhalb der Partei wurde toleriert. Diese Tatsache brachte mich auf den Gedanken, dass die kommunistische Partei keinesfalls mit einer Reformpartei gleichzusetzen war. Ein solcher totalitärer Parteimechanismus (der gleichzeitig die absolute Kontrolle über wichtige militärische Kräfte innehatte, die genauso totalitär organisiert waren) enthielt „seit Herstellung“ einen angeborenen Automatismus, eine unaufhaltsame Tendenz zur Machtergreifung und zur totalitären Machtausübung.“ Die späteren Entwicklungen in den restlichen Balkanländern und generell in Osteuropa bestätigten seine Unheil verkündenden Voraussagen. Im Gegensatz jedoch zu den meisten linken Kämpfern und Intellektuellen lehnte es Castoriadis ab, zwischen einer stalinistischen Partei und einer imperialistischen Macht zu wählen, auch wenn dies die Todesstrafe bedeutete. Diese Verweigerung wird seine unverhandelbar unabhängige politische Stellung bestimmen, nicht nur während des Kalten Krieges, sondern auch für den Rest seines Lebens. Meine These ist, dass die gleichzeitige Kritik sowohl am russischen Regime als auch an den westlichen liberalen Oligarchien und ihrer Charakterisierung als zwei Seiten des modernen bürokratischen Kapitalismus (totaler bürokratischer Kapitalismus in Russland, partieller bürokratischer Kapitalismus im Westen) ihre Wurzeln in den Dezember-Ereignissen hat. Um Castoriadis´ spätere philosophische Intentionen zu klären, identifiziere ich zwei Orientierungen. Einerseits seine leidenschaftliche Anteilnahme an der Politik, deren erster Höhepunkt die Dekemvriana waren und anderseits seine Liebe zum Denken und insbesondere zum antiken griechischen Denken und zum deutschen Idealismus.

aus der Dissertation von Theofanis Tassis über Castoriadis „Disposition einer Philosophie“ 2007