Archiv für November 2010

»Lenin auch …«

Im folgenden könnt ihr den bisher auf deutsch nicht verfügbaren Abschnitt über die Diskussionen der linken Kommunisten im Lager Werchne-Uralsk lesen. Dieser wäre nach der Überschrift auf der Seite 119 in der neuen deutschen Ausgabe von Ante Ciliga »Im Land der verwirrenden Lüge« einzufügen.

»Lenin auch …«

Im Gegensatz zur trotzkistischen Opposition, für welche die Lenin’sche Epoche ausserhalb jeder Kritik stand, scheuten die linkskommunistischen Gruppen nicht davor zurück, die gesamte revolutionäre Erfahrung in Russland infrage zu stellen. Alle diese Gruppen waren zwischen 1919 und 1921 in mehr oder weniger scharfer Opposition zu Lenins Politik entstanden. Während meiner Gefangenschaft im »Isolator« von Werchne-Uralsk war Lenins Rolle in der Revolution Gegenstand hitziger Debatten. Die trotzkistische Opposition beharrte darauf, Lenin habe immer recht gehabt. Nach diesem Dogma hatte Trotzki schon vor langem die »Richtigkeit« der Lenin’schen Positionen anerkannt. Darum billigte er auch Sinowjews Vorschlag, ihrer Oppositionsgruppe den Namen »Bolschewisten-Leninisten« zu geben. Später behauptete er sogar, das Konzept der »permanenten Revolution« (wie auch das sämtlicher anderer Konzepte des Trotzkismus, von denen jenes aber das bedeutendste war) stamme ursprünglich gar nicht von ihm, sondern von Lenin selber. Da Lenin die »permanente Revolution« befürwortet habe, seien sämtliche Meinungsverschiedenheiten der beiden lediglich formeller Natur und damit faktisch bedeutungslos gewesen. Grundsätzlich seien Lenin und Trotzki immer einig gewesen, lediglich in Detailfragen habe es Differenzen gegeben.

Durch diese nachträgliche Versöhnung der beiden sowie die Weigerung, ihnen gegenüber einen kritischen Standpunkt einzunehmen, wurden die heftig diskutierten Widersprüche beider Tendenzen überdeckt. Statt einer genauen Untersuchung der Tatsachen, wurde dem stalinistischen Mythos ein weiterer Mythos entgegengesetzt. (mehr…)