Die Lebenserinnerungen eines Revolutionärs (Agis Stinas): Nationalismus und Antifaschismus

Die IKS – Internationale Kommunistische Strömung - hat ihren Beitrag aus der englischen Internationalen Revue 72 ins deutsche übersetzt. Damit liegt erstmals der Text „Marxismus und Nation“ von Agis Stinas auf deutsch vor.

Die Lebenserinnerungen eines Revolutionärs (Agis Stinas): Nationalismus und Antifaschismus

Die Auszüge aus dem Buch von Agis Stinas – einem revolutionären Kommunisten aus Griechenland –, die wir hier veröffentlichen, sind ein Angriff auf den antifaschistischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs. Darüber hinaus enthalten sie eine schonungslose Abrechnung mit drei heillos miteinander verschmolzenen Mystifikationen, die jede für sich für das Proletariat tödlich ist: die Verteidigung der Sowjetunion, der Nationalismus und der demokratische Antifaschismus.

Die Explosion des Nationalismus in der ehemaligen Sowjetunion und ihrem Reich in Ost-Europa wie auch die Entwicklung von gewaltigen antifaschistischen ideologischen Kampagnen in den Ländern Westeuropas geben diesen – Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts – geschriebenen Auszügen einen ungeahnte Aktualität.

Es wird heute zunehmend schwieriger für die herrschende Ordnung, ihre Herrschaft zu rechtfertigen. Die Katastrophe, zu der ihre Gesetze geführt haben, verhindert dies. Konfrontiert mit dem Proletariat, der einzigen Kraft, die in der Lage ist, diese Ordnung zu stürzen und eine andere Gesellschaft aufzubauen, setzt die herrschende Klasse auf die ideologischen Waffen, die ihr zur Verfügung stehen: die Spaltung in und Unterwerfung durch die verschiedenen nationalen Fraktionen des Kapitals. Heute stehen Nationalismus und Antifaschismus an der Spitze des konterrevolutionären Arsenals der Bourgeoisie.

Agis Stinas nimmt die marxistische Analyse zur nationalen Frage von Rosa Luxemburg auf und erinnert daran, dass der Kapitalismus in seine imperialistische Phase eingetreten ist: „… die Nation hat ihre historische Mission erfüllt. Nationale Befreiungskriege und bürgerlich-demokratische Revolutionen sind von nun an nicht mehr möglich.“ Auf dieser Grundlage greift er die Argumente jener an, die während des Zweiten Weltkriegs zur Beteiligung am antifaschistischen Widerstand aufriefen. Damit zerstört er die Beweisführung, dass die Volksfront und die antifaschistische Dynamik zur Revolution führen.

Stinas und die UCI (Union Communiste Internationaliste) waren Teil einer Handvoll Revolutionärer, denen es gelang, im Zweiten Weltkrieg gegen den Trend zum Nationalismus anzukämpfen, welche die „Demokratie“ gegen den „Faschismus“ verteidigten, um den Internationalismus im Namen der „Verteidigung der Sowjetunion“ abzuwerfen.

Da diese Revolutionäre – selbst im revolutionären Milieu – fast alle unbekannt sind (ihre Texte existieren nur in griechischer Sprache), lohnt es sich, einige Details aus ihrer Geschichte vorwegzuschicken.

Stinas gehörte zu jener Generation von Kommunisten, die von der großen internationalen revolutionären Welle erfasst wurde, welche den Ersten Weltkrieg beendet hatte. Sein gesamtes Leben hindurch hielt er an den großen Hoffnungen fest, die durch den Roten Oktober 1917 und durch die Deutsche Revolution von 1919 aufgekommen waren. Er war bis zu seinem Ausschluss 1931 Mitglied der griechischen Kommunistischen Partei (zu einer Zeit, als sie noch nicht ins bürgerliche Lager gewechselt war). Anschließend wurde er Bestandteil der leninistischen Opposition, die die Wochenzeitung „Fahne des Kommunismus“ veröffentlichte und sich auf Trotzki, dem internationalen Symbol für den Widerstand gegen den Stalinismus, bezog.

1933 übergab Hindenburg in Deutschland die Macht an Hitler. Damit war das offizielle Regime in Deutschland faschistisch (bzw. nationalsozialistisch) geworden. Stinas führt aus, dass der Sieg des Faschismus den Tod der Kommunistischen Internationale signalisierte – ähnlich dem 4. August 1914, als die II. Internationale und ihre Sektionen definitiv und unwiederbringlich für die Arbeiterklasse verloren gingen. Entstanden als Organe des proletarischen Kampfes, waren sie nun zu Werkzeugen des Klassenfeinds geworden. Die Pflicht der Revolutionäre auf der ganzen Welt war es nun, neue revolutionäre Parteien – außerhalb und gegen die Internationale – zu gründen.

Die heftige Debatte provozierte eine Krise der trotzkistischen Organisation; Stinas Position geriet in die Minderheit, woraufhin er die Organisation verließ. 1935 trat er der Organisation „Der Bolschewik“ bei, die sich vom Archeomarxismus getrennt hatte und nun als Union Communiste Internationaliste (UCI) auftrat. Zu dieser Zeit war die UCI die einzig anerkannte Sektion von Trotzkis Internationalist Communist Leage (ICL) – die IV. Internationale wurde erst 1938 gegründet.

Seit 1937 lehnte die UCI eine zentrale Parole der IV. Internationale: die „Verteidigung der UdSSR“. Stinas und seine Genossen erreichten diese Position nicht durch eine Debatte über den gesellschaftlichen Charakter der UdSSR, sondern durch eine kritische Aufarbeitung der Politik und Parolen, die im Angesicht des drohenden Weltkriegs angenommen wurden. Die UCI bemühte sich darum, alle Anzeichen aus ihrem Programm zu verbannen, die in irgendeiner Weise die Infiltration von Sozialpatriotismus unter dem Deckmantel der Verteidigung der UdSSR erlaubt hätten.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb Stinas als kompromissloser Internationalist loyal gegenüber den Prinzipien des revolutionären Marxismus, wie Lenin und Rosa Luxemburg ihn während des ersten Weltkriegs formuliert und praktisch angewendet hatten.

Die UCI war seit 1934 die einzige Sektion der trotzkistischen Strömung in Griechenland. Isoliert von anderen Ländern, war diese Gruppe durch all die Jahre des Kriegs und der Besetzung davon überzeugt, dass die Trotzkisten an der gleichen Front, für die gleichen Ideale und gegen den Strom kämpften.

Die ersten Nachrichten, die sie über die tatsächlichen Positionen der trotzkistischen Internationale bekamen, ließen Stinas und seine Genossen aufschrecken. Die Lektüre des französischen Pamphlets „Die Trotzkisten im Kampf gegen die Nazis“ erbrachte den Nachweis, dass die Trotzkisten, wie alle anderen guten Patrioten, den Kampf gegen die Nazis aufgenommen hatten. Sie erfuhren von der schändlichen Haltung Cannons und der SWP (Socialist Workers Party) in den USA.

Der Krieg war für die Organisationen der Arbeiterklasse ein harter Test; die IV. Internationale scheiterte und zerfiel zu Staub. Ihre Sektionen stellten sich in den Dienst ihrer jeweiligen Bourgeoisien; einige offen, indem sie zur „Verteidigung des Vaterlandes“ aufriefen, andere unter dem Deckmantel der „Verteidigung der UdSSR“. So trugen sie alle auf ihre eigene Weise zum Kriegsgemetzel bei.

Im Herbst 1947 brach die UCI alle politischen und organisatorischen Verbindungen zur IV. Internationale ab. In den folgenden Jahren, der – politisch – schlimmsten Periode der Konterrevolution, als revolutionäre Gruppen zu kleinen Minderheiten dahin schmolzen und die meisten derjenigen, die den Grundprinzipien des proletarischen Internationalismus und der Oktoberrevolution treu geblieben waren, komplett isoliert wurden, wurde Stinas der Hauptvertreter der „Sozialismus oder Barbarei“-Strömung in Griechenland. Diese Strömung, der es niemals gelang, den durch und durch kapitalistischen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse in der UdSSR zu erkennen, entwickelte die Theorie einer Art dritten Ausbeutungssystems, das auf der Trennung zwischen „Befehlsgebern“ und „Befehlsempfängern“ basiert. Diese Strömung entfernte sich immer weiter vom Marxismus und zerfiel letztendlich in den 60ern. Gegen Ende seines Lebens übte Stinas keine wirklich organisierte politische Aktivität mehr aus. Er näherte sich stark dem Anarchismus an und starb 1987.

Marxismus und Nation

Die Nation ist – wie der Stamm, die Familie, die Stadt – ein Produkt der Geschichte. Sie erfüllt eine historische Notwendigkeit und muss verschwinden, sobald diese erfüllt ist.

Die Klasse, die diese soziale Organisation der Nation hervorbringt, ist die Bourgeoisie. Der Nationalstaat deckt sich mit dem Staat der Bourgeoisie; historisch gesehen, vereinigt sich die fortschrittliche Aufgabe der Nation mit der des Kapitalismus, um durch die Entwicklung der Produktivkräfte, die materiellen Konditionen für den Sozialismus zu erschaffen.

Dieses historisch progressive Werk des Kapitalismus kommt mit der Epoche des Imperialismus, der großen imperialistischen Mächte, mit ihren Antagonismen und Kriegen, an sein Ende. Die Nation hat ihre historische Mission erfüllt. Von nun an machen nationale Befreiungskriege und bürgerlich-demokratische Revolutionen keinen Sinn mehr.

Die proletarische Revolution steht auf der Tagesordnung. Diese erschafft oder bewahrt keine Nationen und Grenzen, sondern zerstört sie und vereinigt alle Menschen der Welt in einer weltweiten Gemeinschaft.

Die Verteidigung der Nation und des Vaterlandes bedeuten in unserer Epoche nichts anderes als die Verteidigung des Imperialismus, dem Gesellschaftssystem, das Kriege provoziert, das nicht ohne Kriege leben kann und das die Menschheit in das Chaos und die Barbarei führt. Dies gilt sowohl für die großen imperialistischen Mächte als auch für die kleinen Nationen, deren herrschende Klassen als Komplizen und Verbündete der Großmächte auftreten können.

“Sozialismus ist in dieser Stunde der einzige Rettungsanker der Menschheit. Über den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lodern wie ein feuriges Menetekel die Worte des Kommunistischen Manifests: Sozialismus oder Untergang in der Barbarei!” (Rosa Luxemburg, “Was will der Spartakusbund?” 1918)

Sozialismus ist eine Angelegenheit der Arbeiter der gesamten Welt. Der Kampf für die Abschaffung des Kapitalismus und für den Aufbau des Sozialismus ist der gemeinsame Kampf der Arbeiter dieser Welt. In diesem gemeinsamen Kampf gibt es eine geographisch bestimmte Teilung. Der Kampf findet in jedem einzelnen Land gegen die eigene herrschende Klasse statt. Dies ist der Bereich der internationalen Kampffront der Arbeiter, um den Kapitalismus zu überwinden. Wenn die arbeitenden Massen jedes einzelnen Landes sich nicht bewusst sind, dass sie Teil der Sektion der globalen Klasse sind, werden sie nie fähig sein, den Weg der sozialen Emanzipation zu betreten.

Es ist keine Sentimentalität, der den Kampf für den Sozialismus in einem bestimmten Land zu einem integralen Bestandteil des Kampfes für eine weltweite sozialistische Gesellschaft macht, sondern die Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Land. Der einzige „Sozialismus“ mit nationalen Farben und nationaler Ideologie, den uns die Geschichte gab, ist der von Hitler, der einzige nationale „Kommunismus“ ist der von Stalin.

Der Kampf gegen die herrschende Klasse innerhalb eines Landes und die Solidarität mit den arbeitenden Massen der gesamten Welt sind die beiden fundamentalen Prinzipien der Volksmassen für ihre ökonomische, politische und soziale Befreiung unserer Zeit. Dies gilt für den „Frieden“ wie für den Krieg.

Krieg zwischen Völkern ist Geschwistermord. Der einzige gerechte Krieg ist der, in dem die Völker sich über Nationen und Grenzen hinweg gegen ihre Ausbeuter verbrüdern.

Die Aufgabe der Revolutionäre – sowohl in „Friedens-“ wie auch in Kriegszeiten – ist es, den Massen dabei zu helfen, sich über die Ziele und die Mittel ihrer Bewegung bewusst zu werden, sich von der Beherrschung durch die politische und gewerkschaftliche Bürokratie zu befreien, ihre Sache in die eigenen Hände zu nehmen, kein Vertrauen in irgendeine „Führung“ zu haben, außer den ausführenden Organen, die sie selbst gewählt haben und die jederzeit absetzbar sind, um Bewusstsein über ihre eigene politische Verantwortung zu erlangen und zuallererst, um sich von der nationalen und patriotischen Mythologie intellektuell zu befreien.

Dies sind die Prinzipien des revolutionären Marxismus, wie Rosa Luxemburg sie formuliert und praktisch angewendet hat und die ihre Politik und Taten während des Ersten Weltkriegs geleitet haben. Diese Prinzipien leiten [heute] unsere Politik und Taten im Zweiten Weltkrieg. Mit Hilfe der oben geschriebenen Prinzipien und Positionen werden wir die Politik und die Aktion der EAM abschätzen und bewerten.
Der anti-faschistische Widerstand: ein Anhängsel des Imperialismus

Die „Résistance-Bewegung“ – d.h. der Kampf gegen die Deutschen in all seinen Formen: von der Sabotage bis zum Partisanenkrieg in den besetzten Gebieten – kann nicht außerhalb des Kontextes des imperialistischen Krieges, von dem er ein integraler Teil ist, betrachtet werden. Sein progressiver oder reaktionärer Charakter kann nicht durch die Beteiligung der Massen, seine anti-faschistischen Begründung, seine Unterdrückung durch den deutschen Imperialismus beurteilt werden, sondern allein über seine Funktion im progressiven oder reaktionären Charakter des Krieges.

Die ELAS, wie auch die EDES [4], sind Armeen, die den Krieg innerhalb des Landes gegen die Deutschen und Italiener fortsetzen. Dies allein führt uns zu unserer Position ihnen gegenüber. Die Teilnahme an der Résistance-Bewegung, unter welchen Parolen und Rechtfertigungen auch immer, bedeutet Beteiligung am Krieg.

Unabhängig von den Gefühlen der Massen und den Intentionen ihrer Führer ist diese Bewegung aufgrund der Bedingungen des zweiten imperialistischen Massakers ein Organ und Anhängsel des vereinigten Imperialismus (…)

Der Patriotismus der Massen und ihre Einstellung zum Krieg sind, obwohl vollkommen gegen ihr historisches Interesse, ein wohl bekanntes Phänomen seit dem vorherigen Krieg. Trotzki hat die Revolutionäre in mehreren Artikeln unermüdlich vor der Gefahr gewarnt, überrascht oder vom Strom mitgerissen zu werden. Es ist die Pflicht der internationalistischen Revolutionäre, sich gegen den Strom zu stemmen und das historische Interesse des Proletariats gegen den Strom zu verteidigen.

Dieses Phänomen kann man nicht allein mit der technischen Art und Weise – Propaganda, Radio, Presse, Umzüge/Prozessionen und die Begeisterung, die zu Beginn des Krieges geschaffen wurde – erklären. Ebenso berücksichtig werden muss die vorherige politische Entwicklung: die Niederlagen der Arbeiterklasse, die Entmutigungen, die Zerstörung des Vertrauens in die eigene Stärke und die Kampfformen des Klassenkampfs als auch die Zerstreuung der internationalen Arbeiterbewegung und die opportunistische Politik, die die eigenen Energien geschwächt hatte.

Es gibt kein historischen Gesetz, das den Punkt angeben kann, an dem die Massen, die vorher vom Krieg gefangen waren, plötzlich ihre eigenen Ziele wiederentdecken. Es sind konkrete politische Bedingungen, die das Klassenbewusstsein erwecken. Die katastrophalen Folgen, die der Krieg für die Massen hat, unterhöhlen den patriotischen Enthusiasmus. Mit der wachsenden Unzufriedenheit wird ihr Widerstand gegen die Imperialisten wie auch gegen ihre eigenen Führer, den Agenten des Imperialismus, und ihr Klassenbewusstsein erwachen. Die Schwierigkeiten der herrschenden Klasse nehmen zu.

Es droht ein Bruch der inneren Einheit, die innere Front zerfällt und der Kurs zur Revolution eröffnet sich. Internationalistische Revolutionäre bemühen sich darum, diesen objektiv stattfindenden Prozess durch ihren kompromisslosen Kampf gegen die patriotischen und sozial-patriotischen Organisationen zu beschleunigen. Dieser Kampf erfolgt – offen oder versteckt – durch die konsequente Anwendung der Politik des revolutionären Defätismus.

Die Bedingungen des Krieges und der Besetzung hatten [bisher] einen völlig anderen Einfluss auf die Psychologie der Massen und ihre Beziehungen zur Bourgeoisie. Ihr Klassenbewusstsein ist in nationalistischem Hass zerfallen, ständig durch das barbarische Verhalten der Deutschen verstärkt. Verwirrung ist weit verbreitet, die Idee der Nation und ihres Schicksals haben sich vor die sozialen Unterschiede geschoben. Die Idee der nationalen Einheit bekam weiteren Zulauf; die Massen haben sich der Bourgeoisie, repräsentiert durch die Organisationen des nationalen Widerstands, unterworfen. Die vorausgegangenen Niederlagen haben das industrielle Proletariat gebrochen. Sein besonderes [politisches und empirisches] Gewicht hat stark abgenommen, und es fand sich für die Dauer des Krieges in dieser erschreckenden Situation gefangen.

Die Wut und Empörung der Massen gegen den deutschen Imperialismus in den besetzten Ländern ist gleich dem der deutschen Massen gegen den alliierten Imperialismus (gegen das barbarische Bombardement von Arbeiterbezirken). Doch diese berechtigte Wut, die mit allen Mitteln durch die Parteien der Bourgeoisie aller Schattierungen verstärkt wird, wird von den Imperialisten für ihre eigenen Interessen benutzt. Die Aufgabe der Revolutionäre ist es weiterhin, gegen den Strom zu schwimmen und die Wut gegen ihre eigene Bourgeoisie zu lenken. Nur die Unzufriedenheit gegen unsere eigene Bourgeoisie kann zu einer historischen Kraft werden, die uns für immer von Kriege und Zerstörung befreit. In dem Moment, in dem ein Revolutionär im Krieg allein die Unterdrückung durch den feindlichen Imperialismus im eigenen Land wahrnimmt, wird er zum Opfer der nationalistischen Mentalität und der sozial-patriotischen Logik. Er zerschlägt die Verbindungen, die allein die revolutionären Arbeiter, die in den verschiedenen Ländern ihrer Fahne treu bleiben, einigen können. (…)

Der Kampf gegen die Nazis in den von den Deutschen besetzten Ländern ist ein Trick, eines dieser Mittel des alliierten Imperialismus, die die Massen an ihren Kriegskurs fesselt. Der Kampf gegen die Nazis ist Sache des deutschen Proletariats. Er ist nur möglich, wenn alle Arbeiter in ihren Ländern gegen ihre eigene Bourgeoisie kämpfen. Die Arbeiter der besetzten Länder, die gegen die Nazis kämpfen, kämpfen nicht für ihre eigenen Interessen, sondern für die ihrer Ausbeuter, und die, die die Arbeiter in den Krieg treiben, sind, was immer ihre Intentionen und Rechtfertigungen sein mögen, imperialistische Agenten. Der Aufruf an die deutschen Soldaten, sich mit den Arbeitern der besetzten Länder in einem gemeinsamen Kampf gegen die Nazis zu verbrüdern, war ein künstlicher Taschenspielertrick der alliierten Imperialisten. Der proletarische Kampf in Griechenland gegen die eigene Bourgeoisie schließt den Kampf gegen die nationalen Organisationen mit ein; nur das Vorbild eines solchen Kampfes kann das Klassenbewusstsein der rekrutierten deutschen Arbeiter wecken, Verbrüderung möglich machen und damit den Kampf des deutschen Proletariats gegen Hitler beleben.

Heuchelei und Betrug sind nicht weniger unentbehrlich für die Ausübung des Krieges wie Panzer, Flugzeuge und Artillerie. Ohne die Bezwingung der Massen ist der Krieg nicht möglich. Doch um sie zu bezwingen, müssen sie davon überzeugt sein, für ihre eigenen Interessen zu kämpfen. All die Parolen von Freiheit, Wohlstand, Zerschlagung des Faschismus, sozialistische Reformen, Volksrepublik, Verteidigung der UdSSR haben dieses Ziel. Dies ist hauptsächlich die Aufgabe der „Arbeiter“-Parteien, die ihre Autorität, ihren Einfluss, ihre Verbindungen mit den arbeitenden Massen, den besonderen Traditionen der Arbeiterbewegung geltend machen, um die Arbeiter hinters Licht zu führen und ihnen die Kehle durchzuschneiden.

Die Illusionen der Massen im Krieg, ohne die diese Kriegspolitik unmöglich wäre, sind nicht mehr fortschrittlich; nur die heuchlerischsten Sozialpatrioten benutzen sie, um sich zu rechtfertigen. All die Versprechungen, die Erklärungen und Parolen der sozialistischen und kommunistischen Partei in diesem Krieg sind Betrug (…)

Die Umwandlung einer Bewegung in einen politischen Kampf gegen das kapitalistische Regime ist nicht von uns und von der überzeugenden Kraft unserer Ideen abhängig, sondern von der Natur dieser Bewegung selbst.

„Die Beschleunigung und Förderung der Umwandlung der Résistance-Bewegung in eine Bewegung des Kampfs gegen den Kapitalismus“ wäre möglich, wenn diese Bewegung in der Lage ist, sowohl in den Klassenbeziehungen als auch im Bewusstsein und in der Psychologie der Massen die günstigsten Bedingungen für eine Umwandlung in einen allgemeinen politischen Kampf gegen die Bourgeoisie und damit für die proletarische Revolution zu schaffen.

Der Kampf der Arbeiterklasse für ihre unmittelbaren ökonomischen und politischen Bedürfnisse kann sich im Lauf ihrer Entwicklung selbst in einen generellen politischen Kampf zum Sturz der Bourgeoisie umwandeln. Doch wird dies durch die Form des Kampfes selbst möglich: durch ihre Opposition gegen die Bourgeoisie und ihren Staat – und durch die Natur ihrer Klassenbedürfnisse werden die Massen sich selbst von nationalistischen, reformistischen und demokratischen Illusionen und den Einfluss der feindlichen Klasse befreien. So entwickeln sie ihr Vertrauen, ihre Initiative, ihren kritischen Geist, ihr Selbstbewusstsein. Durch die Ausweitung des Kampfgebietes wächst die Beteiligung der Massen, und je tiefer der soziale Boden gepflügt wird, desto deutlicher treten sich die Klassen gegenüber und desto größeres Gewicht bekommt das revolutionäre Proletariat im Kampf der Massen. Die Bedeutung der revolutionären Partei ist enorm. Sie besteht darin, den Prozess zur Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen, den Arbeitern zu helfen, sich ihre Erfahrungen anzueignen, die Notwendigkeit zu unterstützen, die Macht in die Hand der Massen zu nehmen und den Aufstand zu organisieren, um den Sieg zu sichern.

Doch es ist die Bewegung selbst – ihre Natur und ihre innere Logik –, die der Partei Stärke verleiht. Dies ist ein objektiver Prozess, in dem die Politik der revolutionären Bewegung ihr bewusster Ausdruck ist. Das Wachstum der Résistance-Bewegung hat, entsprechend ihrer eigenen Natur, genau das gegenteilige Ergebnis: Es zerstört Klassenbewusstsein, es verstärkt die Illusionen und den nationalistischen Hass, es zerstreut und atomisiert das Proletariat in der anonymen Masse der Nation, es unterwirft das Proletariat der nationalen Bourgeoisie und bringt die widerlichsten nationalistischen Elemente an die Oberfläche.

Was bleibt für heute? Hass und nationalistische Vorurteile, Erinnerungen und Traditionen einer Bewegung, die von den Stalinisten und Sozialisten leicht ausgenutzt werden konnten. Das Erbe der Résistance-Bewegung ist das schwerwiegendste Hindernis für die Klassenorientierung der Massen.

Hätte es eine objektive Möglichkeit der Résistance-Bewegung gegeben, sich selbst in einen politischen Kampf gegen den Kapitalismus umzuwandeln, hätte sich dies ohne unsere Beteiligung ausgedrückt. Doch wir haben nirgendwo in den Reihen der Résistance, auch nicht in einer konfusen Form, eine proletarische Tendenz entdeckt.

Die Verschiebungen der militärischen Front und der Besatzungsgebiete durch die Armeen der Achsenmächte in diesem Land, ähnlich wie im gesamten Europa, verändern weder den Charakter des Krieges noch werfen sie eine authentische nationale Frage auf. Dies verändert weder unsere strategische Ausrichtung noch unsere grundsätzlichen Aufgaben. Die Aufgabe der revolutionären Partei unter diesen Bedingungen ist es, den Kampf gegen die nationalistischen Organisationen zu entwickeln und die Arbeiterklasse vor anti-deutschem Hass und nationalistischem Gift zu schützen.

Internationalistische Revolutionäre nehmen an den Kämpfen der Massen für ihre unmittelbaren ökonomischen und politischen Bedürfnisse teil, um zu versuchen, ihnen eine klare Klassenorientierung zu geben und mit aller Deutlichkeit die nationalistische Ausnutzung dieser Kämpfe zu bekämpfen. Statt den Deutschen und Italienern Vorwürfe zu machen, erklären sie, warum der Krieg ausgebrochen ist – ein Krieg, dessen Barbarei eine unausweichliche Konsequenz seiner Natur ist. Sie denunzieren mutig die Verbrechen des eigenen imperialistischen Lagers und ihrer Bourgeoisie, repräsentiert durch die verschiedenen nationalistischen Organisationen. Sie rufen die Massen dazu auf, sich mit den italienischen und deutschen Soldaten im gemeinsamen Kampf für den Sozialismus zu verbrüdern. Die proletarische Partei lehnt alle patriotischen Kämpfe ab, egal wie massenhaft ihre Beteiligung ist und in welcher Form sie stattfinden. Sie ruft die Massen offen dazu auf, sich von diesen fern zu halten.

Revolutionärer Defätismus wird unter den Bedingungen der Besetzung auf schreckliche und beispiellose Hindernisse stoßen. Doch die Schwierigkeiten können nicht unsere Aufgaben ändern. Im Gegenteil, je heftiger der Rückfluss, desto kompromissloser muss die revolutionäre Bewegung ihren Prinzipien folgen, desto kompromissloser muss sie gegen diesen Rückfluss anschwimmen. Allein diese Politik macht es möglich, die Empfindungen der revolutionären Massen in der Zukunft auszudrücken und sich an die Spitze ihrer Kämpfe zu stellen. Die Politik der Unterwerfung gegenüber dem Rückfluss, ist eine Politik zur Stärkung der Résistance-Bewegung. Diese wird nur ein weiteres Hindernis für das Bedürfnis der Arbeiter sein, ihre Klassenorientierung zu finden. Diese Politik kann die Partei nur zerstören. Im revolutionären Defätismus, in der wahrhaft internationalistischen Politik gegen den Krieg und gegen die Résistance liegen heute und in den kommenden revolutionären Ereignissen all ihre Stärke und Wert.

aus der International Review Nr. 72 (englische Ausgabe)

Anmerkung:

Der militärische antifaschistische Widerstand (Résistance) wurde von der stalinistischen ELAS und der EDES geführt:

ELAS ist die Kurzbezeichnung der Griechischen Volksbefreiungsarmee (Ellinikós / Ethnikós Laikós Apelevtherotikós Stratós), des militärischen Arms der „Nationalen Befreiungsfront“ EAM.

EDES ist die Nationale Republikanische Griechische Liga (Ethnikos Dimokratikos Ellinikos Syndesmos)

Siehe dazu auch:

http://stinas.blogsport.de/2010/04/17/das-massaker-an-den-internationalistischen-kommunisten-in-griechenland-dezember-1944/