Agis Stinas http://stinas.blogsport.de Die nationale Einheit ist nichts anderes als die Unterwerfung der Arbeiter unter ihre Ausbeuter Wed, 14 Mar 2012 15:15:45 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Das Massaker an den internationalistischen Kommunisten in Griechenland http://stinas.blogsport.de/2012/03/14/das-massaker-an-den-internationalistischen-kommunisten-in-griechenland/ http://stinas.blogsport.de/2012/03/14/das-massaker-an-den-internationalistischen-kommunisten-in-griechenland/#comments Wed, 14 Mar 2012 15:08:18 +0000 Administrator Memoirs http://stinas.blogsport.de/2012/03/14/das-massaker-an-den-internationalistischen-kommunisten-in-griechenland/ Nach der Internationalen Kommunistischen Strömung hat nun auch die Gruppe Internationaler Sozialisten einen Text von Agis Stinas ins deutsche übertragen.

Ich denke das drückt deutlich aus, wie bemüht die kommunistische Linke ist, die aktuelle Debatte mit der historischen Erfahrung auch im deutschsprachigen Raum zu sättigen.

Aghis Stinas: Das Massaker an den internationalistischen Kommunisten in Griechenland

(Dezember 1944)
Der Widerstand gegen die Austeritätspolitik in Griechenland steht vor vielen Herausforderungen und Problemen. Eines dieser Probleme stellt ohne Frage die Politik der KKE („Kommunistische“ Partei Griechenlands) dar. Wir sind bereits an anderer Stelle auf den bizarren Nationalismus und die sektiererische Politik der KKE eingegangen. Die KKE ist eng in der Tradition des Stalinismus verwurzelt. Nationalistische Klassenkollaboration und gewaltsames Vorgehen gegen linke Kritiker und Dissidenten sind ihr spezielles Markenzeichen. Der folgende Text des internationalistischen Kommunisten Aghis Stinas geht auf diese unschöne Tradition ein. Stinas gehörte zu jener Generation internationalistischer Aktivisten die durch die Oktoberrevolution und die weltweite revolutionäre Welle politisiert wurde. Er trat früh der Kommunistischen Partei bei und kämpfte als linker Oppositioneller gegen deren Stalinisierung. Nach seinen Parteiausschluss 1931 beteiligte er sich an der Gründung der KDEE (Internationalistische Kommunistische Union), einer der wenigen revolutionären Gruppen, die inmitten der imperialistischen Massaker des Zweiten Weltkrieges kompromisslos internationalistische Positionen verteidigte.1 Mit viel Glück gelang es Stinas die faschistische Repression und die Verfolgungen durch die Stalinisten zu überleben. Auch wenn er sich gegen Ende seines Lebens aus der organisierten politischen Aktivität zurückzog, blieb er ein unversöhnlicher Gegner des Kapitalismus. Als ihm der Sozialdemokrat Papandreou für die vielen Jahre in Knästen, Lagern, Illegalität und Exil eine Opferrente in Aussicht stellte, lehnte er dies mit den Worten ab: „ Die Revolte ist eine Pflicht und kein Beruf“. Eine deutsche Übersetzung seiner Lebenserinnerungen ist in Vorbereitung. Weitere Infos zu Aghis Stinas gibt es hier.[danke für den Hinweis auf diesen Blog](GIS)

Während des Ersten Weltkrieges setzten die Schlächter die die Menschen beherrschten eigens ausgebildete Polizeieinheiten und professionelle Killer ein, um die Internationalisten zu massakrieren. Während des Zweiten Weltkrieges nahmen sich die Stalinisten dieser Aufgabe an. In der Zeit der „Befreiung“ und der „nationalen Regierung“ waren sie die eigentlichen Herrscher im Lande. In ihren Reden und Verlautbarungen ließen sie keine Gelegenheit aus, um der Welt zu versichern, dass sie nicht die Absicht hätten die politische Macht gewaltsam zu übernehmen und dass sie für Recht und Gesetz einstünden. Sie schrieben in ihren Zeitungen: „In Zeiten wie diesen ist die Aufrechterhaltung der Ordnung und des geregelten politischen Lebens eine nationale Pflicht. Nehmt das Recht nicht in die eigenen Hände. Jeder der verhaftet wird, muss sich der Polizei fügen. Die Gebietssekretäre sind für die Durchführung dieser Order persönlich verantwortlich.“

Dieselben Leute lösten ein heftiges Pogrom gegen internationalistische Kommunisten und alle kritischen Elemente aus. Einige hundert der Sache des Sozialismus aufs Engste ergebene Arbeiter und Intellektuelle fielen den Kugeln. Knüppeln und Messern des Gesindels zum Opfer, welches von der stalinistischen Clique für diese Arbeit in der Unterwelt angeheuert worden war. Wir werden hier nur einige wenige Namen von ihnen wiedergeben.

Sie töteten den Journalisten Spaneas vor der „Befreiung“. Er diskutierte mit einigen jungen Arbeitern in Ilyssia und machte sie mit Lenins Position zum Krieg und den Aufgaben der Arbeiterklasse bekannt. Beim zweiten Treffen war jemand neues dazugekommen. Als Spaneas fortging schoss ihm der Neue in den Rücken und tötete ihn. Nach der Revolution entführten und töteten sie Dimosthenis Voursoukis [2], einen der ergebensten und erfahrensten Aktivisten. Er war zudem einer der am besten ausgebildetsten. Ihm war die Flucht aus Akronayplia[3] gelungen. Wir klagten seine Verhaftung in tausenden von Flugblättern an und schickten eine Abordnung zu Tsirimokos[4] um dagegen zu protestieren. Dieser erklärte uns zitternd dass er nichts tun könne. Sie töteten den Studenten Thanassis Ikonomou[5] nachdem sie ihm vorher die Augen ausgestochen hatten. Er war von Ghyzis EPON mit mehreren anderen zu uns gestoßen.[6] Sie töteten Thymios Adramytidis, einen der ehrlichsten und bescheidensten Aktivisten im Hof des Krankenhauses von Evangelismos, wo er arbeitete. Es war der Morgen des 3. Dezember und er agitierte gerade für eine Demonstration für die Freiheit und die Rechte der Menschen. Sie durchschnitten die Kehle von Panyotis Tsingelis, wie man ein Lamm schlachtet, nachdem sie ihn in Vathis entführt hatten. Er war ein Arbeiter der von den Inseln entkommen war.[7] Sie töteten Nikos Aravantinos, einen alten internationalistischen Kommunisten der auf der ganzen Insel Kephalonia für seinen Kampf in der Bewegung der Arbeiter und Bauen bekannt war. Er hatte dafür mit langen Gefängnisstrafen und Exil einen hohen Preis bezahlt. Die Deutschen hatten seinen Vater, einen bekannten fortschrittlichen Lehrer umgebracht. Sie töteten. Doxas[8] , einen Anstreicher , N. Mouskas, einen Kellner, die Gebrüder Themelis die in der Tabakindustrie arbeiteten, K. Haritodinis, einen Künstler, P. Panayatodis[9], einen Schneider. Er war der Bruder von N. Panayatodis der in Akronayplia ums Leben kam. Sie töteten die archeomarxistischen Arbeiter Zouris und Tzilkas.[10] Sie töteten Stavros Verouchis[11] , während des Krieges durch Gas erblindet, Sekretär der Föderation der Föderation der Kriegsopfer und Versehrten, ein gewähltes Mitglied der PEEA.[12] Sie töteten ihn, da er nach der Entdeckung eines Vorrats von Olivenöl in Platanistos auf Euböa darauf bestanden hatte, das Öl unter den Bauen zu verteilen die infolge von Vitaminmangel starben, anstatt es den Speichern der Partisanen zu übergeben wie es der Kader der Kommunistischen Partei angeordnet hatte. Sie töteten P. Tzinieris (P. Skytalis), einen Lehrer, Absolvent der „Kommunistischen Universität der Völker des Ostens“[13] , Sekretär der Athener Regionalorganisation und später der Zellen In Ost Mazedonien und Thrakien, Autor einer Reihe von Werken über die Arbeiterbewegung. Im September 1930 hatten ihn die Archeomarxisten in Kavala zusammengeschlagen. Da er dort keine Behandlung bekam, kam er nach Thessaloniki und lebte einige Zeit bei mir. Ich hatte einige Vorurteile gegen ihn wie im Übrigen gegen alle KUTVists[14] . Aber ich lernte ihn als einen geistreichen und kultivierten Mann kennen, der sich der Sache des Sozialismus verschrieben hatte. Wir wurden Freunde. Während des Fraktionskampfes in der Kommunistischen Partei 1930-31 schrieb er mir einen Brief, in dem er mich förmlich beschwor die Dinge nicht zu weit zutreiben um keinen Parteiausschluss zu riskieren. Es scheint dass er einige Jahre später selber Divergenzen mit der Partei hatte und aus der Partei ausgeschlossen wurde. Aber er nahm nie an einer Aktivität gegen die Partei teil und lehnte den Trotzkismus entscheiden ab. Während der Besatzung ging er in sein Dorf Kounina in der Nähe von Aigion. Er war in der ganzen Region bekannt, nicht nur in seinem eigenen Dorf. Jeder respektierte ihn und sah in ihm einen reinen, ehrlichen und kultivierten Kommunisten. Eines Tages kam Velouchiotis[15] nach Kounina und fragte nach ihm. Es war Tzinieris der Th. Klaras, den zukünftigen Velouchiotis, in das Athener Regionalkomitee eingeführt hatte, nachdem alle früheren Sekretäre ihm keine große Beachtung geschenkt hatten. Sie diskutierten über Stunden. Wer weiß schon was sie sich zu sagen hatten? Wer weiß schon wie der authentische Revolutionär den archikapetanios der nationalistischen Bewegung kritisiert haben mag? Einige Tage später verhafteten sie ihn und brachten ihn mit einer Eskorte in das „Freie Griechenland“. Dort steckten sie ihn in ein Konzentrationslager. Er trat in einen Hungerstreik und seine Peiniger ließen ihn sterben.

Sie töteten Assimidis[16] (G. Konstantinidis, Gatkos), einen Absolventen der Lenin Schule, von der Kommunistischen Internationale im November 1931 in das Zentralkomitee von Zachariadis‘[17] nominiert. Er hatte schnell Differenzen und wurde wie es die Regeln der Partei vorsahen ausgeschlossen. Er zog sich aus der politischen Aktivität zurück und widmete sich seinem Beruf als Rechtsanwalt. Aber er hatte Differenzen mit Zachariadis und diesen vorgeworfen paranoid und ein Gauner zu sein. Das reichte ihnen um ihn umzubringen.
Sie töteten Stergiou in Thessaloniki, einen alten kommunistischen Tabakarbeiter und autodidaktischen Karikaturisten. Er hatte alle Karikaturen für die „Arbeiterstimme“ entworfen. Dieser Genosse wurde von allen, unabhängig von ihren Standpunkten geliebt. Sie töteten Al. Douvas. Er stand mit Assimidis auf einer Stufe hatte sich aber aus der politischen Aktivität zurückgezogen. Er gab ihn eine „Position“ in Akronayplia. Jeden Morgen verteilte der die Zigaretten, die die Gruppe allen Festgenommen zuordnete. Sie töteten ihn weil er einmal ein Unterstützer Assimidis gewesen war. Stalin hatte seine Bruder G. Douvas, Sekretär der Kommunistischen Jugend, Mitglied des Politischen Büros der KKE und des Exekutivkomitees der Kommunistischen Jugendinternationale während des großen Massakers an den Kommunisten 1936-38 umbringen lassen.

Sie töteten Damaskopoulos, den aktivsten Kader der Gewerkschaft der Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes. Sie töteten Gakis und Kapenis[18] , alte Kader der KKE als Letzterer in den Reihen der ELAS kämpfte. Ihre Sünde bestand darin in Akronayplia Meinungsverschiedenheiten mit Ioannidis[19] und Bartzotas[20] gehabt zu haben.
Sie töteten Yannis Kalogeridis[21] , einer von jenen die den Polizisten Gyphtodimopoulos am Ersten Mai 1931 getötet hatten. Er hatte viele Jahre im Gefängnis verbracht und wurde schließlich in das Gefängnis von Egina verlegt. Dort kam es zum Streit mit Tyrimos einem KKK-Abgeordneten der später der Sicherheitspolizei und während der Besatzung Rallis „tsoliades“ beitrat.[22] Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis nahm Kalogeridis an keiner politischen Bewegung mehr teil. Er arbeitete in einem kleinen Restaurant. Dort fanden sie ihn und töteten ihn weil er sich einige Jahre vorher Tyrimos widersetzt hatte.

Sie töteten Kostas Speras[23] , einen anarchistischen Zigarrettenmacher, Sekretär im Gewerkschaftszentrum von Athen vor der Gründung der Gewerkschaftsföderation und einer der wichtigsten Führer während des Aufstandes der Bergarbeiter im August 1916. Er hatte an den ersten zwei Kongressen der CGT teilgenommen, wo er anarcho-syndikalistische Ideen verteidigte. Schließlich zog er sich aus dem politischen Leben zurück.

Sie töteten Stelios Arvanitakis, einen anarchistischen Zigarettenmacher, der einsam und allein gegen das Massaker in Kronstadt protestiert hatte. Während des Generalstreiks im August 1923 war er einer der Führer der Kommunistischen Union, der Kampforganisation der Arbeiter von Piräus.[24] Auf Beschluss der Internationale aus der KP ausgeschlossen, lebte er jenseits aller politischen Organisation als einfacher Arbeiter und Verfechter des Anarchokommunismus. Während meiner Zeit in Thessaloniki sah ich ihn oft und wir diskutierten regelmäßig. Er blieb seinen Überzeugungen bis zu seinem Lebensende treu. Dies waren nur einige wenige von hundert wenn nicht sogar tausenden Aktivisten oder einfachen unschuldigen Menschen, Menschen die über jeden Verdacht erhaben waren und von der OPLA [25] getötet wurden. In Kokkinia, in Agrinion und vielen anderen Orten waren die “Frauen in Schwarz“ meistens die Mütter oder Ehefrauen von Kommunisten die von den Nationalkommunisten um Siantos und Ioannidis ermordet worden waren. Die meisten dieser Verbrechen geschahen im Dezember. Die „Volkrepublik die wir im Dezember 1944 erleben durften, war die schlimmste Diskreditierung und Verhöhnung des Sozialismus. Die Arbeiter die nicht zu Hilfsdiensten herangezogen wurden, gingen unter Lebensgefahr in die Stadt um nach Nahrung zu suchen und sich am Leben zu erhalten, während sich die Kämpfer der ELAS mit den Regierungstruppen Feuergefechte lieferten. Die Gruppen der OPLA, die Zivilgarden und die Tribunale waren die Inkarnation der „Volksrepublik“ und sie zeigten ihr wahres Gesicht. Diese Gruppen suchten Tag und Nacht nach Verdächtigen um die Tribunale und Friedhöfe zu beliefern. Ein Verdächtiger war jeder der nicht in ihren Karteien auftauchte. Sie requirierten die Häuser und filzten die Passanten. Wenn sie eine trotzkistische Zeitung bei Dir fanden war es das Todesurteil, welches auch unverzüglich vollstreckt wurde. Es war genauso gefährlich in Besitz der Rizopastis[26] oder marxistischer Literatur zu sein. Warum sollte jemand das lesen der nicht in ihrer Kartei verzeichnet war. Es war genauso gefährlich wenn eine bürgerliche Zeitung oder eine Fotographie des Königs gefunden wurde. Sie verhafteten G.l., die über viele Jahre eine kommunistische Schulleiterin gewesen war. Sie war auch ein langjähriges Mitglied der Organisation von Pouliopoulos.[27] Aber das wussten sie nicht und das rettete sie. Sie wurde festgenommen weil sie eine bekannte alte Kommunistin aber kein Mitglied der KKE war. Nach ihrer Befragung kam sie zu mir um mich zu warnen, weil man ihr viele Fragen über mich gestellt hatte: „ Was soll ich Dir sagen. Ich kenne Verhöre und die Polizei nur zu gut aus meiner Aktivität für die Bewegung in Polen. Aber ich habe noch nie eine solche Bestialität und Dummheit erlebt wie vor diesem Tribunal der EAM . Seine Fragen waren schwachsinnig, grob und äußerst demütigend. Ich musste mich mit meiner Handtasche vor seinen Schlägen in mein Gesicht schützen. Nebenan wartete in zwei bis drei Gruppen eine Ansammlung armer Frauen und Kinder. Sie zitterten während sie auf ihr Verhör durch dieses Tier warteten.“ Das ereignete sich in Pangrati. In anderen Gegenden war es das genauso, manchmal sogar schlimmer.

Ich lebte zusammen mit A.M. in der Pyrgotelous- Straße in Pangrati. Eines Morgens, es war Montag der 4. Dezember, kam Kleanthis aus Kaissariani in Begleitung von Leuten die er für den Kommunismus gewonnen hatte. Kaum eine halbe Stunde später hörten wir das laute Geräusch von Stiefeln auf der Treppe. Vier bewaffnete Männer erschienen. Sie verlangten unsere Papiere und begannen eine Durchsuchung. Sie fanden nichts da wir sichergestellt hatten, dass nichts zu finden war. Ich hatte falsche Papiere bei mir. Nachdem sie uns mehrere Fragen gestellt hatten zogen sie wieder ab. Wir verließen die Wohnung unmittelbar nach ihnen. Wie uns unser Nachbar später berichtete, stürmte eine Viertelstunde später ein Trupp von zehn Bewaffneten das Haus. Sie beschlagnahmten was sie in unserem Zimmer finden konnten, stellten viele Fragen über uns und nahmen sechs Menschen zum Tribunal mit um die Befragungen fortzusetzen. Ich ging zu Thalis Wohnung, welche zwei oder drei Straßen entfernt war. Thalis war Arzt und die ELAS[28] hatte ihn dienstverpflichtet. Auf den Anhöhen über Vyronas hatte er ein improvisiertes Hospital aufgebaut und eine Rotkreuzfahne gesetzt. Aber in unmittelbarer Nähe hatten sie (die ELAS) eine getarnte Kanone aufgebaut. Thalis sagte ihnen dass es nicht richtig sei eine Kanone unter einer Rotkreuzfahne zu postieren. Damit zog er sich eine wüste Reaktion zu die keine Widerrede zuließ: „Doktor, kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten und nicht um unsere.“ Durch die Verbindung zu Thalis erfuhren wir, dass sie die Menschen in der Nachbarschaft über „die Trotzkisten“ ausgefragt hatten. Nachdem uns Thalis davon erzählt hatte machten wir uns gegen Mitternacht im Schutze der Dunkelheit auf den Weg. Unter den Beschuss von Kugel und Granaten und dauernd über Leichen stolpernd erreichten wir schließlich Nea Smyrni. Ich wurde zuerst mit Tam und später mit Kal angehalten. Die Nationalgarde und die Engländer nahmen uns fest. Sie verhörten uns rochen an unseren Händen um herauszufinden ob sie nach Pulverdampf riechen und ließen uns schließlich gehen. Im Dezember nahmen sie auch Castoriadis[29] fest. Aber jene die ihn festnahmen merkten zum Glück nicht, dass er auf ihrer Fahndungsliste ganz oben stand. So ließen sie ihn nach einem Verhör wieder gehen.

Anmerkungen

1. Die führte letztendlich auch zum Bruch mit der trotzkistischen Strömung. Stinas Gruppe lehnte die von der Vierten Internationale aufgestellte Losung der „Verteidigung der UdSSR“ entschieden ab, die die Trotzkisten letztendlich dazu führte sich als Verteidiger der „Demokratie“ und des „sozialistischen Vaterlandes“ am imperialistischen Zweiten Weltkrieg zu beteiligen.
2. Ein führendes Mitglied der OKDE (Organisation der Internationalistischen Kommunisten), und später der KDEE (Internationalistische Kommunistische Union) der Gruppe zu der auch Stinas gehörte. Er war während des Zweiten Weltkrieges in Akronayplia inhaftiert, wo er sich an den bekannten Debatten unter den revolutionären beteiligte.
3. Ein berüchtigter Festungsknast.
4. Ilias Tsirimokos ( 1907-1968) war ein liberaler Politiker und Mitglied der „Griechischen Volksdemokratischen Partei“ die später der „Nationalen Befreiungsfront“ (EAM) beitrat, die von der KKE kontrolliert wurde.
5. Er war gerade einmal 18 Jahre als er ermordet wurde.
6. Die Pan-Hellenische Jugendorganisation.
7. Gemeint sind Gefängnisinseln auf denen politische Gefangene interniert wurden.
8. Yorgos Doxas wurde Karabourna (Kleinasien) geboren. Er trat 1928 den Archeo-Marxisten und 1932 der Leninistischen Opposition der KKE bei. Danach war er Mitbegründer der Gruppe „Nea Diethnis“ und später der „Arbeiterpresse“ als diese sich von der Bolschewistischen Tendenz abspaltete. Er hatte großen Anteil an den Versuchen die trotzkistischen Gruppen in Griechenland zu vereinigen.
9. Ein Unterstützer der KDEE (Internationalistische Kommunistische Union) [zurück]
10. Die Archeo-Marxisten bezogen ihren Namen von Ihrer Zeitschrift „Archiv des Marxismus“. Sie spalteten sich 1923 von der Kommunistischen Partei ab, um eine „wirkliche kommunistische Partei“ auf der Grundlage ernsthafter theoretischer Schulung (das erklärten Zweckbestimmung ihrer Zeitung) aufzubauen. Von 1929-1934 waren sie die griechische Sektion der „Internationalen Linken Opposition“. Nach einer Spaltung im Jahr 1934 unterstützte ein Teil das Londoner Büro (den Zusammenschluss sog. „zentristischer“ Gruppen wie bspw. der SAP, der ILP oder der POUM). Der andere Teil schloss mit der Spartacus-Gruppe (die sich wiederum unter Führung von Pouliopoulis 1927 von der KP getrennt hatte) zusammen und bildete die Sektion der 4. Internationale in Griechenland.
11. Über Verouchis ist bekannt, dass er sich 1933 mit einer Gruppe der OKDE der KDEE anschloss. Während der Besatzung war er in der Widerstandsbewegung EAM aktiv und gewähltes Mitglied ihres Leitungsgremiums PEAA („Politisches Komitee der Nationalen Befreiung“) im Distrikt von Platanistos. Zu dieser Zeit argumentierte er, dass die EAM in eine Bewegung für die sozialistische Revolution umgewandelt werden könnte und sich die Revolutionäre daher in sie integrieren sollten. Wie Stinas richtig herausarbeitet zeigte Verouchis tragisches Ende dass dies eine gefährliche Illusion in die nationalistische Widerstandsbewegung war.
12. Die Föderation der Kriegsopfer –und Versehrten wurde nach dem Ersten Weltkrieg gegründet und hatte Ortsgruppen in nahezu allen Städten. Zu ihren ersten Anführern gehörte Pouliopoulos und andere Persönlichkeiten der Kommunistischen Partei.
13. Die „Kommunistische Universität der Völker des Ostens“ war eine in Moskau ins Leben gerufene Kaderschule
14. Ein Spitzname für Kader der KKE die in Moskau geschult worden waren.
15. Ein wichtiger Führer der ELAS (Griechische Volksbefreiungsarmee), des militärischen Arms der Widerstandbewegung. Im Distrikt Agrignon kontrollierten die Trotzkisten unter Führung von Anastasiou Panayotis die EAM. Velouchiotis lud sie zu einer Konferenz in sein Hauptquartier nach Agraphila ein. Dort wurden sie alle erschossen.
16. Gründer der „Föderation der Kommunistischen Jugend“. 1928 besuchte er der Lenin-Schule in Moskau. Nach seiner Rückkehr wurde Mitglied der neuen KKE-Führung die von der Komintern 1935 eingesetzt wurde. Er widersetzte sich der Wende zum Sozial-Patriotismus die 1935 von der Mehrheit des Zentralkomitees durchgesetzt wurde. Laut Stinas war die Tendenz um Assimidis das letzte Aufbegehren revolutionärer Politik in der KKE.
17. Nikos Zachariadis kam 1922/1923 im Zuge einer Immigrationswelle von Konstantinopel nach Griechenland. Mitte der 20er Jahre war er in der Föderation der Kommunistischen Jugend aktiv. 1925 wurde er unter der Diktatur von Pangalos zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ihm gelang die Flucht aus dem Festungsgefängnis Yedi Koule. Auf dem Kongress der KKE 1927 unterstützte er Stalins Linie gegen die Linke Opposition. 1931 wurde er Mitglied der neuen von der Komintern eingesetzten Leitung, deren Mitglieder allesamt über den Verdacht einer Sympathie oder gar Unterstützung der Linken Opposition erhaben waren. In dieser Zeit wurde Zachariadis faktisch der Chef der Partei. Im Oktober 1940 schrieb er aus dem Gefängnis einen offenen Brief in dem er für die Unterstützung des Krieges gegen Italien aufrief. Dieser wurde von der Regierung in der Presse veröffentlicht. Die meisten KP-Mitglieder hielten dies anfangs für eine Fälschung.
18. Stinas wird in dem Buch „Akronayplia“ von Yannis Mannousakas (es gibt nur eine griechische Ausgabe) folgendermaßen zitiert: „ Um schließlich dieses traurige Kapitel abzuschließen gilt es zwei Worte zu ihrem Ende zu sagen. Zu Beginn der Besatzung erhielt Gatkis von der Organisation in Volos die Order sich den Maquis anzuschließen. Kurze Zeit später erkannten die Partisanen seine Tapferkeit und Fähigkeiten und machten ihn zum Chef der ELAs in Pelion. Als aber Bartzotas und andere aus Sotirias, und Ioannidis aus Petras entlassen wurden, sandten sie die Anweisung an die Organisation Gatkis zu enthaupten. Sie töteten auch Kapenis den sie in der Region um Agrinion aufspürten wo er der Führer der EAM in einem Dorf war. Sie streuten das Gerücht, dass beide getötet wurden weil sie angeblich für die Deutschen gearbeitet hatten. So erlaubten es ihnen Bartotas und Ionnaidis nach diesem schändlichen Mord nicht einmal im Boden ihres Landes Ruhe zu finden. Ich bin mir sicher dass die Geschichte zeigen wird, dass sie für die Menschen und den Fortschritt gekämpft haben und in Würde starben.“
19. Yannis Ioannidis erlangte in den 20er Jahren in der KP eine gewisse Reputation da er sich weigerte Mitgliedsausweise mit dem Portrait des früheren Sozialdemokraten Benaroyas auszuteilen. Später wurde er zu einem der „unheimlichsten Bürokraten“ (A.Stinas). Es war Ioannidis der nach der deutschen Invasion in Griechenland und die Wachen von Akronaypila überredete die Stalinisten freizulassen, da sie durch den Hitler-Stalin-Pakt geschützt seien. Die Trotzkisten hingegen sollten im Knast verbleiben um die Ankunft der Nazis abzuwarten. Viele von ihnen wurden als Geiseln gehalten und als „Vergeltung“ für Widerstandsaktivitäten von den Nazitruppen getötet. Er sollte nicht mit Y. Ioannidis verwechselt werden, der der KDEE (Internationalistische Kommunistische Union) angehörte.
20. Ein stalinistischer Kader im Knast von Akronayplia.
21. Kalogeridis widersetzte sich der Forderung der Stalinisten in Akronayplia seine Vergangenheit als Archeo-Marxist zu widerrufen. Als Konsequenz daraus wurde es ihm nicht erlaubt bei einer Massenflucht teilzunehmen.
22. Premierminister während der Besatzung. Er rief die Einheit der „tsoliades“ ins Leben die Jagd auf den Widerstand machte.
23. Im September 1920 hatte er sich dem KKE-Vorschlag einer „gegenseitigen Vertretung“ widersetzt, der einer Übernahme der unabhängigen Gewerkschaften durch die KKE gleichgekommen wäre. Stinas war bei diesem Kongress anwesend und traf Speras 1938 im Gefängnis wieder.
24. Sie wird von Stinas als die „über viele Jahre als die Stimme für die extremsten Tendenzen in der Partei“ beschrieben. Die Kommunistische Union wurde von KKE-Mitgliedern gegründet, die es für notwendig erachteten mit der Partei zu brechen, um die Streiks und Kämpfe adäquat unterstützen zu können. Im Zuge der „Bolschewisierung“ wurde die Basis wieder in die Partei aufgenommen – allerdings nicht die Wortführer.
25. „Organisation für die Verteidigung der Volkskämpfe“
26. „Radikal“ die Tageszeitung der KKE
27. Eine der wichtigsten Figuren in der Geschichte der Linken in Griechenland. 1900 geboren, Delegierter beim 5. Weltkongress der Komintern, Mitglied des ZK der KKE und später Generalsekretär. Im Alter von 18 Jahren wegen der Unterstützung der Unabhängigkeit Mazedoniens durch die KKE inhaftiert. 1927 wegen seiner Opposition gegen den Stalinismus aus der Partei ausgeschlossen. Gründer der Spartakus-Gruppe. Im Juni 1943 zusammen mit über hundert anderen Militanten von den italienischen Besatzungstruppen erschossen.
28. Nationale Befreiungsfront
29. Gemeint ist Cornelius Castoriadis, ein politischer Schüler von Stinas der später die Gruppe „Socialisme ou Barbarie“ ins Leben rief.

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Die Lebenserinnerungen eines Revolutionärs (Agis Stinas): Nationalismus und Antifaschismus http://stinas.blogsport.de/2012/03/08/die-lebenserinnerungen-eines-revolutionaers-agis-stinas-nationalismus-und-antifaschismus/ http://stinas.blogsport.de/2012/03/08/die-lebenserinnerungen-eines-revolutionaers-agis-stinas-nationalismus-und-antifaschismus/#comments Thu, 08 Mar 2012 10:50:26 +0000 Administrator Memoirs http://stinas.blogsport.de/2012/03/08/die-lebenserinnerungen-eines-revolutionaers-agis-stinas-nationalismus-und-antifaschismus/ Die IKS – Internationale Kommunistische Strömung - hat ihren Beitrag aus der englischen Internationalen Revue 72 ins deutsche übersetzt. Damit liegt erstmals der Text „Marxismus und Nation“ von Agis Stinas auf deutsch vor.

Die Lebenserinnerungen eines Revolutionärs (Agis Stinas): Nationalismus und Antifaschismus

Die Auszüge aus dem Buch von Agis Stinas – einem revolutionären Kommunisten aus Griechenland –, die wir hier veröffentlichen, sind ein Angriff auf den antifaschistischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs. Darüber hinaus enthalten sie eine schonungslose Abrechnung mit drei heillos miteinander verschmolzenen Mystifikationen, die jede für sich für das Proletariat tödlich ist: die Verteidigung der Sowjetunion, der Nationalismus und der demokratische Antifaschismus.

Die Explosion des Nationalismus in der ehemaligen Sowjetunion und ihrem Reich in Ost-Europa wie auch die Entwicklung von gewaltigen antifaschistischen ideologischen Kampagnen in den Ländern Westeuropas geben diesen – Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts – geschriebenen Auszügen einen ungeahnte Aktualität.

Es wird heute zunehmend schwieriger für die herrschende Ordnung, ihre Herrschaft zu rechtfertigen. Die Katastrophe, zu der ihre Gesetze geführt haben, verhindert dies. Konfrontiert mit dem Proletariat, der einzigen Kraft, die in der Lage ist, diese Ordnung zu stürzen und eine andere Gesellschaft aufzubauen, setzt die herrschende Klasse auf die ideologischen Waffen, die ihr zur Verfügung stehen: die Spaltung in und Unterwerfung durch die verschiedenen nationalen Fraktionen des Kapitals. Heute stehen Nationalismus und Antifaschismus an der Spitze des konterrevolutionären Arsenals der Bourgeoisie.

Agis Stinas nimmt die marxistische Analyse zur nationalen Frage von Rosa Luxemburg auf und erinnert daran, dass der Kapitalismus in seine imperialistische Phase eingetreten ist: „… die Nation hat ihre historische Mission erfüllt. Nationale Befreiungskriege und bürgerlich-demokratische Revolutionen sind von nun an nicht mehr möglich.“ Auf dieser Grundlage greift er die Argumente jener an, die während des Zweiten Weltkriegs zur Beteiligung am antifaschistischen Widerstand aufriefen. Damit zerstört er die Beweisführung, dass die Volksfront und die antifaschistische Dynamik zur Revolution führen.

Stinas und die UCI (Union Communiste Internationaliste) waren Teil einer Handvoll Revolutionärer, denen es gelang, im Zweiten Weltkrieg gegen den Trend zum Nationalismus anzukämpfen, welche die „Demokratie“ gegen den „Faschismus“ verteidigten, um den Internationalismus im Namen der „Verteidigung der Sowjetunion“ abzuwerfen.

Da diese Revolutionäre – selbst im revolutionären Milieu – fast alle unbekannt sind (ihre Texte existieren nur in griechischer Sprache), lohnt es sich, einige Details aus ihrer Geschichte vorwegzuschicken.

Stinas gehörte zu jener Generation von Kommunisten, die von der großen internationalen revolutionären Welle erfasst wurde, welche den Ersten Weltkrieg beendet hatte. Sein gesamtes Leben hindurch hielt er an den großen Hoffnungen fest, die durch den Roten Oktober 1917 und durch die Deutsche Revolution von 1919 aufgekommen waren. Er war bis zu seinem Ausschluss 1931 Mitglied der griechischen Kommunistischen Partei (zu einer Zeit, als sie noch nicht ins bürgerliche Lager gewechselt war). Anschließend wurde er Bestandteil der leninistischen Opposition, die die Wochenzeitung „Fahne des Kommunismus“ veröffentlichte und sich auf Trotzki, dem internationalen Symbol für den Widerstand gegen den Stalinismus, bezog.

1933 übergab Hindenburg in Deutschland die Macht an Hitler. Damit war das offizielle Regime in Deutschland faschistisch (bzw. nationalsozialistisch) geworden. Stinas führt aus, dass der Sieg des Faschismus den Tod der Kommunistischen Internationale signalisierte – ähnlich dem 4. August 1914, als die II. Internationale und ihre Sektionen definitiv und unwiederbringlich für die Arbeiterklasse verloren gingen. Entstanden als Organe des proletarischen Kampfes, waren sie nun zu Werkzeugen des Klassenfeinds geworden. Die Pflicht der Revolutionäre auf der ganzen Welt war es nun, neue revolutionäre Parteien – außerhalb und gegen die Internationale – zu gründen.

Die heftige Debatte provozierte eine Krise der trotzkistischen Organisation; Stinas Position geriet in die Minderheit, woraufhin er die Organisation verließ. 1935 trat er der Organisation „Der Bolschewik“ bei, die sich vom Archeomarxismus getrennt hatte und nun als Union Communiste Internationaliste (UCI) auftrat. Zu dieser Zeit war die UCI die einzig anerkannte Sektion von Trotzkis Internationalist Communist Leage (ICL) – die IV. Internationale wurde erst 1938 gegründet.

Seit 1937 lehnte die UCI eine zentrale Parole der IV. Internationale: die „Verteidigung der UdSSR“. Stinas und seine Genossen erreichten diese Position nicht durch eine Debatte über den gesellschaftlichen Charakter der UdSSR, sondern durch eine kritische Aufarbeitung der Politik und Parolen, die im Angesicht des drohenden Weltkriegs angenommen wurden. Die UCI bemühte sich darum, alle Anzeichen aus ihrem Programm zu verbannen, die in irgendeiner Weise die Infiltration von Sozialpatriotismus unter dem Deckmantel der Verteidigung der UdSSR erlaubt hätten.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb Stinas als kompromissloser Internationalist loyal gegenüber den Prinzipien des revolutionären Marxismus, wie Lenin und Rosa Luxemburg ihn während des ersten Weltkriegs formuliert und praktisch angewendet hatten.

Die UCI war seit 1934 die einzige Sektion der trotzkistischen Strömung in Griechenland. Isoliert von anderen Ländern, war diese Gruppe durch all die Jahre des Kriegs und der Besetzung davon überzeugt, dass die Trotzkisten an der gleichen Front, für die gleichen Ideale und gegen den Strom kämpften.

Die ersten Nachrichten, die sie über die tatsächlichen Positionen der trotzkistischen Internationale bekamen, ließen Stinas und seine Genossen aufschrecken. Die Lektüre des französischen Pamphlets „Die Trotzkisten im Kampf gegen die Nazis“ erbrachte den Nachweis, dass die Trotzkisten, wie alle anderen guten Patrioten, den Kampf gegen die Nazis aufgenommen hatten. Sie erfuhren von der schändlichen Haltung Cannons und der SWP (Socialist Workers Party) in den USA.

Der Krieg war für die Organisationen der Arbeiterklasse ein harter Test; die IV. Internationale scheiterte und zerfiel zu Staub. Ihre Sektionen stellten sich in den Dienst ihrer jeweiligen Bourgeoisien; einige offen, indem sie zur „Verteidigung des Vaterlandes“ aufriefen, andere unter dem Deckmantel der „Verteidigung der UdSSR“. So trugen sie alle auf ihre eigene Weise zum Kriegsgemetzel bei.

Im Herbst 1947 brach die UCI alle politischen und organisatorischen Verbindungen zur IV. Internationale ab. In den folgenden Jahren, der – politisch – schlimmsten Periode der Konterrevolution, als revolutionäre Gruppen zu kleinen Minderheiten dahin schmolzen und die meisten derjenigen, die den Grundprinzipien des proletarischen Internationalismus und der Oktoberrevolution treu geblieben waren, komplett isoliert wurden, wurde Stinas der Hauptvertreter der „Sozialismus oder Barbarei“-Strömung in Griechenland. Diese Strömung, der es niemals gelang, den durch und durch kapitalistischen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse in der UdSSR zu erkennen, entwickelte die Theorie einer Art dritten Ausbeutungssystems, das auf der Trennung zwischen „Befehlsgebern“ und „Befehlsempfängern“ basiert. Diese Strömung entfernte sich immer weiter vom Marxismus und zerfiel letztendlich in den 60ern. Gegen Ende seines Lebens übte Stinas keine wirklich organisierte politische Aktivität mehr aus. Er näherte sich stark dem Anarchismus an und starb 1987.

Marxismus und Nation

Die Nation ist – wie der Stamm, die Familie, die Stadt – ein Produkt der Geschichte. Sie erfüllt eine historische Notwendigkeit und muss verschwinden, sobald diese erfüllt ist.

Die Klasse, die diese soziale Organisation der Nation hervorbringt, ist die Bourgeoisie. Der Nationalstaat deckt sich mit dem Staat der Bourgeoisie; historisch gesehen, vereinigt sich die fortschrittliche Aufgabe der Nation mit der des Kapitalismus, um durch die Entwicklung der Produktivkräfte, die materiellen Konditionen für den Sozialismus zu erschaffen.

Dieses historisch progressive Werk des Kapitalismus kommt mit der Epoche des Imperialismus, der großen imperialistischen Mächte, mit ihren Antagonismen und Kriegen, an sein Ende. Die Nation hat ihre historische Mission erfüllt. Von nun an machen nationale Befreiungskriege und bürgerlich-demokratische Revolutionen keinen Sinn mehr.

Die proletarische Revolution steht auf der Tagesordnung. Diese erschafft oder bewahrt keine Nationen und Grenzen, sondern zerstört sie und vereinigt alle Menschen der Welt in einer weltweiten Gemeinschaft.

Die Verteidigung der Nation und des Vaterlandes bedeuten in unserer Epoche nichts anderes als die Verteidigung des Imperialismus, dem Gesellschaftssystem, das Kriege provoziert, das nicht ohne Kriege leben kann und das die Menschheit in das Chaos und die Barbarei führt. Dies gilt sowohl für die großen imperialistischen Mächte als auch für die kleinen Nationen, deren herrschende Klassen als Komplizen und Verbündete der Großmächte auftreten können.

“Sozialismus ist in dieser Stunde der einzige Rettungsanker der Menschheit. Über den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lodern wie ein feuriges Menetekel die Worte des Kommunistischen Manifests: Sozialismus oder Untergang in der Barbarei!” (Rosa Luxemburg, “Was will der Spartakusbund?” 1918)

Sozialismus ist eine Angelegenheit der Arbeiter der gesamten Welt. Der Kampf für die Abschaffung des Kapitalismus und für den Aufbau des Sozialismus ist der gemeinsame Kampf der Arbeiter dieser Welt. In diesem gemeinsamen Kampf gibt es eine geographisch bestimmte Teilung. Der Kampf findet in jedem einzelnen Land gegen die eigene herrschende Klasse statt. Dies ist der Bereich der internationalen Kampffront der Arbeiter, um den Kapitalismus zu überwinden. Wenn die arbeitenden Massen jedes einzelnen Landes sich nicht bewusst sind, dass sie Teil der Sektion der globalen Klasse sind, werden sie nie fähig sein, den Weg der sozialen Emanzipation zu betreten.

Es ist keine Sentimentalität, der den Kampf für den Sozialismus in einem bestimmten Land zu einem integralen Bestandteil des Kampfes für eine weltweite sozialistische Gesellschaft macht, sondern die Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Land. Der einzige „Sozialismus“ mit nationalen Farben und nationaler Ideologie, den uns die Geschichte gab, ist der von Hitler, der einzige nationale „Kommunismus“ ist der von Stalin.

Der Kampf gegen die herrschende Klasse innerhalb eines Landes und die Solidarität mit den arbeitenden Massen der gesamten Welt sind die beiden fundamentalen Prinzipien der Volksmassen für ihre ökonomische, politische und soziale Befreiung unserer Zeit. Dies gilt für den „Frieden“ wie für den Krieg.

Krieg zwischen Völkern ist Geschwistermord. Der einzige gerechte Krieg ist der, in dem die Völker sich über Nationen und Grenzen hinweg gegen ihre Ausbeuter verbrüdern.

Die Aufgabe der Revolutionäre – sowohl in „Friedens-“ wie auch in Kriegszeiten – ist es, den Massen dabei zu helfen, sich über die Ziele und die Mittel ihrer Bewegung bewusst zu werden, sich von der Beherrschung durch die politische und gewerkschaftliche Bürokratie zu befreien, ihre Sache in die eigenen Hände zu nehmen, kein Vertrauen in irgendeine „Führung“ zu haben, außer den ausführenden Organen, die sie selbst gewählt haben und die jederzeit absetzbar sind, um Bewusstsein über ihre eigene politische Verantwortung zu erlangen und zuallererst, um sich von der nationalen und patriotischen Mythologie intellektuell zu befreien.

Dies sind die Prinzipien des revolutionären Marxismus, wie Rosa Luxemburg sie formuliert und praktisch angewendet hat und die ihre Politik und Taten während des Ersten Weltkriegs geleitet haben. Diese Prinzipien leiten [heute] unsere Politik und Taten im Zweiten Weltkrieg. Mit Hilfe der oben geschriebenen Prinzipien und Positionen werden wir die Politik und die Aktion der EAM abschätzen und bewerten.
Der anti-faschistische Widerstand: ein Anhängsel des Imperialismus

Die „Résistance-Bewegung“ – d.h. der Kampf gegen die Deutschen in all seinen Formen: von der Sabotage bis zum Partisanenkrieg in den besetzten Gebieten – kann nicht außerhalb des Kontextes des imperialistischen Krieges, von dem er ein integraler Teil ist, betrachtet werden. Sein progressiver oder reaktionärer Charakter kann nicht durch die Beteiligung der Massen, seine anti-faschistischen Begründung, seine Unterdrückung durch den deutschen Imperialismus beurteilt werden, sondern allein über seine Funktion im progressiven oder reaktionären Charakter des Krieges.

Die ELAS, wie auch die EDES [4], sind Armeen, die den Krieg innerhalb des Landes gegen die Deutschen und Italiener fortsetzen. Dies allein führt uns zu unserer Position ihnen gegenüber. Die Teilnahme an der Résistance-Bewegung, unter welchen Parolen und Rechtfertigungen auch immer, bedeutet Beteiligung am Krieg.

Unabhängig von den Gefühlen der Massen und den Intentionen ihrer Führer ist diese Bewegung aufgrund der Bedingungen des zweiten imperialistischen Massakers ein Organ und Anhängsel des vereinigten Imperialismus (…)

Der Patriotismus der Massen und ihre Einstellung zum Krieg sind, obwohl vollkommen gegen ihr historisches Interesse, ein wohl bekanntes Phänomen seit dem vorherigen Krieg. Trotzki hat die Revolutionäre in mehreren Artikeln unermüdlich vor der Gefahr gewarnt, überrascht oder vom Strom mitgerissen zu werden. Es ist die Pflicht der internationalistischen Revolutionäre, sich gegen den Strom zu stemmen und das historische Interesse des Proletariats gegen den Strom zu verteidigen.

Dieses Phänomen kann man nicht allein mit der technischen Art und Weise – Propaganda, Radio, Presse, Umzüge/Prozessionen und die Begeisterung, die zu Beginn des Krieges geschaffen wurde – erklären. Ebenso berücksichtig werden muss die vorherige politische Entwicklung: die Niederlagen der Arbeiterklasse, die Entmutigungen, die Zerstörung des Vertrauens in die eigene Stärke und die Kampfformen des Klassenkampfs als auch die Zerstreuung der internationalen Arbeiterbewegung und die opportunistische Politik, die die eigenen Energien geschwächt hatte.

Es gibt kein historischen Gesetz, das den Punkt angeben kann, an dem die Massen, die vorher vom Krieg gefangen waren, plötzlich ihre eigenen Ziele wiederentdecken. Es sind konkrete politische Bedingungen, die das Klassenbewusstsein erwecken. Die katastrophalen Folgen, die der Krieg für die Massen hat, unterhöhlen den patriotischen Enthusiasmus. Mit der wachsenden Unzufriedenheit wird ihr Widerstand gegen die Imperialisten wie auch gegen ihre eigenen Führer, den Agenten des Imperialismus, und ihr Klassenbewusstsein erwachen. Die Schwierigkeiten der herrschenden Klasse nehmen zu.

Es droht ein Bruch der inneren Einheit, die innere Front zerfällt und der Kurs zur Revolution eröffnet sich. Internationalistische Revolutionäre bemühen sich darum, diesen objektiv stattfindenden Prozess durch ihren kompromisslosen Kampf gegen die patriotischen und sozial-patriotischen Organisationen zu beschleunigen. Dieser Kampf erfolgt – offen oder versteckt – durch die konsequente Anwendung der Politik des revolutionären Defätismus.

Die Bedingungen des Krieges und der Besetzung hatten [bisher] einen völlig anderen Einfluss auf die Psychologie der Massen und ihre Beziehungen zur Bourgeoisie. Ihr Klassenbewusstsein ist in nationalistischem Hass zerfallen, ständig durch das barbarische Verhalten der Deutschen verstärkt. Verwirrung ist weit verbreitet, die Idee der Nation und ihres Schicksals haben sich vor die sozialen Unterschiede geschoben. Die Idee der nationalen Einheit bekam weiteren Zulauf; die Massen haben sich der Bourgeoisie, repräsentiert durch die Organisationen des nationalen Widerstands, unterworfen. Die vorausgegangenen Niederlagen haben das industrielle Proletariat gebrochen. Sein besonderes [politisches und empirisches] Gewicht hat stark abgenommen, und es fand sich für die Dauer des Krieges in dieser erschreckenden Situation gefangen.

Die Wut und Empörung der Massen gegen den deutschen Imperialismus in den besetzten Ländern ist gleich dem der deutschen Massen gegen den alliierten Imperialismus (gegen das barbarische Bombardement von Arbeiterbezirken). Doch diese berechtigte Wut, die mit allen Mitteln durch die Parteien der Bourgeoisie aller Schattierungen verstärkt wird, wird von den Imperialisten für ihre eigenen Interessen benutzt. Die Aufgabe der Revolutionäre ist es weiterhin, gegen den Strom zu schwimmen und die Wut gegen ihre eigene Bourgeoisie zu lenken. Nur die Unzufriedenheit gegen unsere eigene Bourgeoisie kann zu einer historischen Kraft werden, die uns für immer von Kriege und Zerstörung befreit. In dem Moment, in dem ein Revolutionär im Krieg allein die Unterdrückung durch den feindlichen Imperialismus im eigenen Land wahrnimmt, wird er zum Opfer der nationalistischen Mentalität und der sozial-patriotischen Logik. Er zerschlägt die Verbindungen, die allein die revolutionären Arbeiter, die in den verschiedenen Ländern ihrer Fahne treu bleiben, einigen können. (…)

Der Kampf gegen die Nazis in den von den Deutschen besetzten Ländern ist ein Trick, eines dieser Mittel des alliierten Imperialismus, die die Massen an ihren Kriegskurs fesselt. Der Kampf gegen die Nazis ist Sache des deutschen Proletariats. Er ist nur möglich, wenn alle Arbeiter in ihren Ländern gegen ihre eigene Bourgeoisie kämpfen. Die Arbeiter der besetzten Länder, die gegen die Nazis kämpfen, kämpfen nicht für ihre eigenen Interessen, sondern für die ihrer Ausbeuter, und die, die die Arbeiter in den Krieg treiben, sind, was immer ihre Intentionen und Rechtfertigungen sein mögen, imperialistische Agenten. Der Aufruf an die deutschen Soldaten, sich mit den Arbeitern der besetzten Länder in einem gemeinsamen Kampf gegen die Nazis zu verbrüdern, war ein künstlicher Taschenspielertrick der alliierten Imperialisten. Der proletarische Kampf in Griechenland gegen die eigene Bourgeoisie schließt den Kampf gegen die nationalen Organisationen mit ein; nur das Vorbild eines solchen Kampfes kann das Klassenbewusstsein der rekrutierten deutschen Arbeiter wecken, Verbrüderung möglich machen und damit den Kampf des deutschen Proletariats gegen Hitler beleben.

Heuchelei und Betrug sind nicht weniger unentbehrlich für die Ausübung des Krieges wie Panzer, Flugzeuge und Artillerie. Ohne die Bezwingung der Massen ist der Krieg nicht möglich. Doch um sie zu bezwingen, müssen sie davon überzeugt sein, für ihre eigenen Interessen zu kämpfen. All die Parolen von Freiheit, Wohlstand, Zerschlagung des Faschismus, sozialistische Reformen, Volksrepublik, Verteidigung der UdSSR haben dieses Ziel. Dies ist hauptsächlich die Aufgabe der „Arbeiter“-Parteien, die ihre Autorität, ihren Einfluss, ihre Verbindungen mit den arbeitenden Massen, den besonderen Traditionen der Arbeiterbewegung geltend machen, um die Arbeiter hinters Licht zu führen und ihnen die Kehle durchzuschneiden.

Die Illusionen der Massen im Krieg, ohne die diese Kriegspolitik unmöglich wäre, sind nicht mehr fortschrittlich; nur die heuchlerischsten Sozialpatrioten benutzen sie, um sich zu rechtfertigen. All die Versprechungen, die Erklärungen und Parolen der sozialistischen und kommunistischen Partei in diesem Krieg sind Betrug (…)

Die Umwandlung einer Bewegung in einen politischen Kampf gegen das kapitalistische Regime ist nicht von uns und von der überzeugenden Kraft unserer Ideen abhängig, sondern von der Natur dieser Bewegung selbst.

„Die Beschleunigung und Förderung der Umwandlung der Résistance-Bewegung in eine Bewegung des Kampfs gegen den Kapitalismus“ wäre möglich, wenn diese Bewegung in der Lage ist, sowohl in den Klassenbeziehungen als auch im Bewusstsein und in der Psychologie der Massen die günstigsten Bedingungen für eine Umwandlung in einen allgemeinen politischen Kampf gegen die Bourgeoisie und damit für die proletarische Revolution zu schaffen.

Der Kampf der Arbeiterklasse für ihre unmittelbaren ökonomischen und politischen Bedürfnisse kann sich im Lauf ihrer Entwicklung selbst in einen generellen politischen Kampf zum Sturz der Bourgeoisie umwandeln. Doch wird dies durch die Form des Kampfes selbst möglich: durch ihre Opposition gegen die Bourgeoisie und ihren Staat – und durch die Natur ihrer Klassenbedürfnisse werden die Massen sich selbst von nationalistischen, reformistischen und demokratischen Illusionen und den Einfluss der feindlichen Klasse befreien. So entwickeln sie ihr Vertrauen, ihre Initiative, ihren kritischen Geist, ihr Selbstbewusstsein. Durch die Ausweitung des Kampfgebietes wächst die Beteiligung der Massen, und je tiefer der soziale Boden gepflügt wird, desto deutlicher treten sich die Klassen gegenüber und desto größeres Gewicht bekommt das revolutionäre Proletariat im Kampf der Massen. Die Bedeutung der revolutionären Partei ist enorm. Sie besteht darin, den Prozess zur Entwicklung des Bewusstseins zu beschleunigen, den Arbeitern zu helfen, sich ihre Erfahrungen anzueignen, die Notwendigkeit zu unterstützen, die Macht in die Hand der Massen zu nehmen und den Aufstand zu organisieren, um den Sieg zu sichern.

Doch es ist die Bewegung selbst – ihre Natur und ihre innere Logik –, die der Partei Stärke verleiht. Dies ist ein objektiver Prozess, in dem die Politik der revolutionären Bewegung ihr bewusster Ausdruck ist. Das Wachstum der Résistance-Bewegung hat, entsprechend ihrer eigenen Natur, genau das gegenteilige Ergebnis: Es zerstört Klassenbewusstsein, es verstärkt die Illusionen und den nationalistischen Hass, es zerstreut und atomisiert das Proletariat in der anonymen Masse der Nation, es unterwirft das Proletariat der nationalen Bourgeoisie und bringt die widerlichsten nationalistischen Elemente an die Oberfläche.

Was bleibt für heute? Hass und nationalistische Vorurteile, Erinnerungen und Traditionen einer Bewegung, die von den Stalinisten und Sozialisten leicht ausgenutzt werden konnten. Das Erbe der Résistance-Bewegung ist das schwerwiegendste Hindernis für die Klassenorientierung der Massen.

Hätte es eine objektive Möglichkeit der Résistance-Bewegung gegeben, sich selbst in einen politischen Kampf gegen den Kapitalismus umzuwandeln, hätte sich dies ohne unsere Beteiligung ausgedrückt. Doch wir haben nirgendwo in den Reihen der Résistance, auch nicht in einer konfusen Form, eine proletarische Tendenz entdeckt.

Die Verschiebungen der militärischen Front und der Besatzungsgebiete durch die Armeen der Achsenmächte in diesem Land, ähnlich wie im gesamten Europa, verändern weder den Charakter des Krieges noch werfen sie eine authentische nationale Frage auf. Dies verändert weder unsere strategische Ausrichtung noch unsere grundsätzlichen Aufgaben. Die Aufgabe der revolutionären Partei unter diesen Bedingungen ist es, den Kampf gegen die nationalistischen Organisationen zu entwickeln und die Arbeiterklasse vor anti-deutschem Hass und nationalistischem Gift zu schützen.

Internationalistische Revolutionäre nehmen an den Kämpfen der Massen für ihre unmittelbaren ökonomischen und politischen Bedürfnisse teil, um zu versuchen, ihnen eine klare Klassenorientierung zu geben und mit aller Deutlichkeit die nationalistische Ausnutzung dieser Kämpfe zu bekämpfen. Statt den Deutschen und Italienern Vorwürfe zu machen, erklären sie, warum der Krieg ausgebrochen ist – ein Krieg, dessen Barbarei eine unausweichliche Konsequenz seiner Natur ist. Sie denunzieren mutig die Verbrechen des eigenen imperialistischen Lagers und ihrer Bourgeoisie, repräsentiert durch die verschiedenen nationalistischen Organisationen. Sie rufen die Massen dazu auf, sich mit den italienischen und deutschen Soldaten im gemeinsamen Kampf für den Sozialismus zu verbrüdern. Die proletarische Partei lehnt alle patriotischen Kämpfe ab, egal wie massenhaft ihre Beteiligung ist und in welcher Form sie stattfinden. Sie ruft die Massen offen dazu auf, sich von diesen fern zu halten.

Revolutionärer Defätismus wird unter den Bedingungen der Besetzung auf schreckliche und beispiellose Hindernisse stoßen. Doch die Schwierigkeiten können nicht unsere Aufgaben ändern. Im Gegenteil, je heftiger der Rückfluss, desto kompromissloser muss die revolutionäre Bewegung ihren Prinzipien folgen, desto kompromissloser muss sie gegen diesen Rückfluss anschwimmen. Allein diese Politik macht es möglich, die Empfindungen der revolutionären Massen in der Zukunft auszudrücken und sich an die Spitze ihrer Kämpfe zu stellen. Die Politik der Unterwerfung gegenüber dem Rückfluss, ist eine Politik zur Stärkung der Résistance-Bewegung. Diese wird nur ein weiteres Hindernis für das Bedürfnis der Arbeiter sein, ihre Klassenorientierung zu finden. Diese Politik kann die Partei nur zerstören. Im revolutionären Defätismus, in der wahrhaft internationalistischen Politik gegen den Krieg und gegen die Résistance liegen heute und in den kommenden revolutionären Ereignissen all ihre Stärke und Wert.

aus der International Review Nr. 72 (englische Ausgabe)

Anmerkung:

Der militärische antifaschistische Widerstand (Résistance) wurde von der stalinistischen ELAS und der EDES geführt:

ELAS ist die Kurzbezeichnung der Griechischen Volksbefreiungsarmee (Ellinikós / Ethnikós Laikós Apelevtherotikós Stratós), des militärischen Arms der „Nationalen Befreiungsfront“ EAM.

EDES ist die Nationale Republikanische Griechische Liga (Ethnikos Dimokratikos Ellinikos Syndesmos)

Siehe dazu auch:

http://stinas.blogsport.de/2010/04/17/das-massaker-an-den-internationalistischen-kommunisten-in-griechenland-dezember-1944/

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http://stinas.blogsport.de/2012/03/08/die-lebenserinnerungen-eines-revolutionaers-agis-stinas-nationalismus-und-antifaschismus/feed/
Marximus und Nation http://stinas.blogsport.de/2011/11/18/marximus-und-nation/ http://stinas.blogsport.de/2011/11/18/marximus-und-nation/#comments Fri, 18 Nov 2011 11:10:09 +0000 Administrator Memoirs http://stinas.blogsport.de/2011/11/18/marximus-und-nation/ Die Zusammenstöße zwischen stalinistischen Schlägern und aktivistischen anarchistischen Randalierern und Bullen (über die Beteiligung von Provokateuren kann nur spekuliert werden) am 20.10.2011 in Athen hat für einige Tage zu erhöhten Zugriffszahlen auf den Stinas-Blog geführt. Dies zeigt, das Interesse an dieser Strömung und unterstreicht die Notwendigkeit, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Nun kommt endlich ein zentraler Text, der bereits an anderer Stelle auf dem Blog mit einer Einleitung der ICC veröffentlicht wurde:

Marxism and the Nation

The nation is a product of history, like the tribe, the family, the city. It has a necessary historic role and must disappear when that is fulfilled.

The class bearing that social organisation is the bourgeoisie. The national state coincides with the state of the bourgeoisie, and historically, the progressive work of the nation and of capitalism joined together to create, with the development of the productive forces, the material conditions for socialism.

That progressive work came to an end with the epoch of imperialism, of the great imperialist powers, with their antagonisms and their wars.

The nation has fulfilled its historic mission. Henceforth wars of national liberation and bourgeois-democratic revolutions make no sense.

Proletarian revolution is now the order of the day. It doesn’t create or maintain nations and borders but abolishes them and unites all the peoples of the earth in a global community.

The defence of the nation and the fatherland are in our era nothing other than the defence of imperialism, of the social system which provokes wars, which cannot live without war and which leads humanity to chaos and barbarism. This is as true for the big imperialist powers as it is for the little nations, whose ruling classes can only be accomplices and associates of the great powers.

“At this time socialism is the only hope for humanity. Above the ramparts of the capitalist world which is finally crumbling, shining in letters of fire are the words of the Communist Manifesto : socialism or the fall into barbarism.”
(R Luxemburg, 1918)

Socialism is a matter for the workers of the whole world, and the terrain of its creation extends across the globe. The struggle for the overthrow of capitalism and for the setting up of socialism unites all the workers of the world. Geography fixes a division of labour: the immediate enemy of the workers in each country is their own ruling class. It is their sector of the international front of struggle of the workers to overthrow world capitalism.

If the toiling masses of each country are not conscious that they form just one section of a global class, they will never be able to set out on the road of their social emancipation.

It is not sentimentalism which makes the struggle for socialism in a given country an integral part of the struggle for a world socialist society, but the impossibility of socialism in one country. The only “socialism” in national colours and national ideology that history has given us is that of Hitler, and the only national “communism” that of Stalin.

The struggle inside the country against the ruling class and solidarity with the toiling masses of the whole world, such are the two fundamental principles of the movement of the popular masses for their economic, political and social liberation in our time. It’s the same for “peace” as for war.

War between peoples is fratricide. The only just war is that waged by peoples who fraternise across nations and borders against their exploiters.

The task of revolutionaries, in times of “peace” as in times of war, is to help the masses to become conscious of the ends and means of their movement, to rid themselves of the domination of the political and union bureaucracies, to take their own affairs into their own hands, to have no confidence in any other “leadership” than that of the executive organs which they have elected themselves and which they can revoke at any moment, to acquire consciousness of their own political responsibility and first and foremost to emancipate themselves intellectually from the national and patriotic mythology.

These are the principles of revolutionary marxism as Rosa Luxemburg formulated them and applied them practically and which guided her politics and her action during the First World War. Those principles guided our politics and our action in the Second World War.

We are going to measure and appreciate the politics and action of the EAM under the Occupation with the help of some definitions and landmarks.

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In the Struggle for Socialist Revolution http://stinas.blogsport.de/2011/07/29/in-the-struggle-for-socialist-revolution/ http://stinas.blogsport.de/2011/07/29/in-the-struggle-for-socialist-revolution/#comments Fri, 29 Jul 2011 11:54:16 +0000 Administrator Memoirs http://stinas.blogsport.de/2011/07/29/in-the-struggle-for-socialist-revolution/ Mitten im Sommerloch beginnt die Veröffentlichung des 6. Kapitels „Im Kampf für die sozialistische Revolution“, mit dem Wiederaufbau der linkskommunistischen Gruppe um Agis Stinas, die sofort eine internationalistische Arbeit beginnen. Beeindruckend ist, dass Parolen wie „Es ist der Kapitalismus in seiner Gesamtheit – und nicht eine der zwei Seiten –, der für das Gemetzel, für die Verwüstungen und das Chaos verantwortlich ist!“ – auf großes Interesse und Unterstützung treffen.

The reconstitution of the group

We, the militants who were in Athens (all those who escaped: Tamtakos, Voursoukis, Aravantinos, Rigas, Kallergis, Stinas) got together the next day and reconstituted the group. Our position in regard to the EAM and its army, as toward the nationalist movement in general, was strictly determined by our position in the face of imperialist war. There was no divergence there at all.

Two days later, with a typewriter and a duplicator which we had managed to get hold of, Tamtakos and I worked all night on printing the first publication of the group, in a hovel in Aigaleo. This was without exaggeration the first clear and limpid voice of socialist revolution in the nightmarish conditions of the second imperialist war, perhaps not only in Greece but in the whole world.

Our voice found an echo. Rapidly, old militants and young workers and students gathered under our flag. Those who were dispersed in the provinces descended on Athens, beginning with Tsoukas.

Our activity became bigger every day. Tracts, flyers circulated by the thousand. Slogans covered the walls. The cries of the khonia1 resounded in the night. People heard, saw and read other slogans than those that they had come to expect from the Stalinists and other nationalist organisations. In place of the slogans of nationalist hatred were those immortal slogans of fraternisation between peoples, of the transformation of the fratricidal war between peoples into a war of peoples against their exploiters The workers read the wall slogans and the tracts with an undeniable sympathy: “It is capitalism in its entirety which is responsible for the carnage, devastation and chaos, and not just one of the two sides!”; “Fraternisation of peoples and soldiers against the executioners who are killing the peoples!”; “Fraternisation of Greek workers and Italian and German soldiers in the common struggle for socialism!” ; “National unity is nothing but the submission of the workers to their exploiters!”; “Only the overthrow of capitalism will save world peace!”; “Long live the world socialist revolution!”…

At the end of the fourth or fifth month, the group got hold of some typographical characters and a hand press. Its journal, Workers’ Front, its tracts and its leaflets were printed from then on. Its voice, the voice of revolution, resounded in all the working class districts of Athens, Piraeus and Thessaloniki. A voice loud and clear.

During all that period of intense activity of the group, Mastr. and Sm., two old proletarian militants who had not previously belonged to our tendency, joined it and were on its central committee. Apart from the escapees, such as Thymios and Stam., all the members were young, boys and girls. Kids of eighteen went from the EPON2 and the school benches into our ranks in the full understanding of what they were doing, in full understanding of the ideas and the risks. They came to fight and die with us. The enthusiasm, the audacity, the self-sacrifice of these young people, was something we had only known in revolutions.

The internal life of the group was absolutely democratic, with regular weekly assemblies where we gave an account of our activity and criticised it, and where we decided future activity. Decisions were the result of real collective debate. And everybody applied them without distinction or exception. When the number of members grew, rendering the assemblies practically impossible in the absolute clandestinity in which we lived, representative conferences were held regularly, preceded by free debates. There was a publication committee for the journal, but every member could write in it.

Today we know that no other group in the world defended the principles of revolutionary defeatism with such clarity, courage and intransigence during the nightmare of the second imperialist carnage. Without doubt no other group had displayed an activity similar to, or on the same scale as, ours in conditions where death dogged our every step. We had been the only political group in the whole world who, in conditions infinitely more difficult and more dangerous than in 1914-1918, had continued the heroic tradition of Luxemburg and Liebknecht.3

The intellectual, moral and psychological situation of the popular masses was at the time very different from what we had known under the Metaxas dictatorship and in spring 1942, in the transfer section of Piraeus.

Under the dictatorship, from one end of the country to the other, up until the Italian invasion, the masses had fallen into passivity and indifference. Fear ruled the land. Fear had literally paralysed those who, linked in one way or another to the movement in the past, hadn’t been put under surveillance or arrested by the Security Police, as it paralysed the dilosias*. Whenever they happened to come across us they always had some exceptionally important work to do and did not have time to discuss. Twice I asked old comrades and friends to give me a place to stay for two or three days, at the time when we were checking if our house was under surveillance, but they refused both times. It is very easy to find excuses to justify their fear in front of their conscience. That state which the “ex-revolutionaries” had fallen into provoked more pity and disgust among us than indignation.

During the winter of 1941-1942 Athens and Piraeus were only populated by human wrecks, in the moral as well as physical sense. Human skeletons who begged, who cried and who died.

We knew the situation in those two towns. Those images were engraved in our brains. When, in the transfer section of Halkis, we discussed probable occasions when we could escape, some people, quite a few, said: “To go where? To do what? Beg? But who from?” Some of those comrades didn’t escape because of this, when they could have done so. They stayed, to quickly find themselves in Larissa and Haïdari. And from there to Kournovo and to the firing squads of Kaisariani.

But what we, the escapees, found in Athens was very different from what we thought we’d find there.

The economic situation had improved slightly. Nobody was dying of hunger anymore. The International Red Cross had organised soup kitchens for everyone. Each person, without exception or distinction, had a plate of beans or gruel every day at noon. The bakeries gave out a few grams of bread every day with a ration card. On Athens’ streets, in Monastiraki and elsewhere, you could find raisins, tinned food and other foodstuffs on stalls in the open air. The smokers could supply themselves with the tobacco of their choice, loose or in cigarettes, in open air “shops”. Some restaurants and tavernas were open and you could find something there. The black market also provided some not bad delicacies for those who could pay in gold pounds.

Prices rose day by day. The Bank issued currency daily, and almost every day it added more zeroes to the notes. A one drachma note became a ten, a hundred, a thousand, ten thousand, a hundred thousand, a million etc. The first word of a “merchant” coming to sell something was “I don’t have any small change”. That is to say thousand drachma notes. Two days later, or even the next day, it meant ten thousand drachmas. And so it went.

The economic situation had changed, but also, first of all, the people themselves. People had got back on their feet. They found themselves again, and with that their dignity, their courage and their determination to fight. And everyone knew that this time it wasn’t the phalanga or castor oil which awaited them, but the firing squad. Nobody was afraid though. Young people and women in particular displayed an unbelievable contempt for danger. In fact danger and death was normal. Even the “former”, the “ex”, and the dilosias became fighters again. How people change! Who can give a logical explanation for this phenomenon of the metamorphosis of cowards into heroes, so common in history and which is so decisive in peoples’ struggles for their emancipation?

Organisations were created. Duplicated or printed journals were circulated clandestinely. Slogans covered the walls and the asphalt of the street. Groups of partisans had already appeared in the mountains. Strikes broke out. Demonstrations were organised.

We found ourselves there at the beginning, and what characterised that period was the selfless solidarity of everyone towards everyone else, independent of political differences, and the free debates on the content, forms and methods of struggle. Alas, that period didn’t last long.

  1. “Funnel”, an improvised megaphone which enabled night time speeches to be made from the roof tops. [zurück]
  2. Panhellenic Organisation of Youth, the youth organisation of EAM. [zurück]
  3. [Anmerkung: Agis Stinas kannte offensichtlich nicht die Arbeit der linkskommunistischen Fraktion zu gleichen Zeit in Frankreich, siehe das Buch über „Die italienische kommunistische Linke“ http://de.internationalism.org [zurück]
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Die Flucht (Ende des 5. Kapitels) http://stinas.blogsport.de/2011/06/19/die-flucht-ende-des-5-kapitels/ http://stinas.blogsport.de/2011/06/19/die-flucht-ende-des-5-kapitels/#comments Sun, 19 Jun 2011 16:28:59 +0000 Administrator Memoirs http://stinas.blogsport.de/2011/06/19/die-flucht-ende-des-5-kapitels/ Ich wollte allen LeserInnen Ante Cilgas Buch in den letzten Wochen die Gelegenheit geben, dass bisher auf deutsch unveröffentlichte Kapitel direkt als ersten Beitrag zu finden. Ferner möchte ich darauf hinweisen, dass in der Weltrevolution 163 ein ausführlicher Artikel erschienen ist (mehr). Nach dieser längeren Pause, werde ich nun weiterschreiten mit der Veröffentlichung von Agis Stinas Biografie.

Endlich die Flucht, während viele Genossen erschossen wurden. Mit diesem Absatz endet der letzte Abschnitt des 5. Kapitels.

In mid-October, after two and a half months of staying in Konistres, I decide to escape. I made it known to my friends and to the bishop. He suggested that I travel to the Middle East and hide myself in a secure place and wait. I refused, but without revealing my disagreements with the patriots. He gave me sufficient beans that I could set out with a full stomach. Apart from that, after having stabbed my leg with a needle so that you could believe it was a dog bite, this generous priest signed and sealed a letter in which it was written: “I have been bitten by a rabid dog and I must immediately be presented at the anti-rabies centre”. “You will show this document in case of a raid” he told me “I have predated it so as to make the danger more pressing and therefore the treatment more urgent”. He hugged me and wished me bon voyage and good luck. It wasn’t necessary to show the paper. But I was profoundly moved by the ingenuity and audaciousness of this bishop.

I sent a note to Voursoukis, Makris and Krokkos telling them in advance of my decision, according to the agreed manner and calling on them to do the same. Voursoukis escaped the same day as me. Makris and Krokkos, I don’t know why, didn’t escape. Two days afterwards they were transferred, like all those who didn’t escape, to Larissa, and were later executed: Makris at Kournovo on 22 June 1943 and Krokkos on 1 May 1944 at Kaisariani. Soulas, Xypolytos and Mitsis, members of the Unified ICO, didn’t escape either. They met the same fate. Xypolytos was executed at Kournovo, and Mitsis and Soulas at Kaisariani.

It has been said enough times that comrades in Athens provided us with money and false papers. This is a lie as far as we are concerned. Not only did we not receive them, but those who did receive them did not even feel obliged to inform us that a collective escape was prepared. It is entirely by chance that our own escape happened at the same time.

I took to the road later, after midnight. After two and a half days walking with bare feet I arrived in Thiva. The whole time I only fed myself with a half eaten quince and the skin of a watermelon. I scanned the already picked vines in the hope of finding just one bunch of grapes. But in vain. Who knows how many had already been there before me. The journey from Halkida to Thiva was more tiring than that from Konistres to Halkida. A little after Halkida, the Thiva road is straight and interminable, for kilometres and kilometres, without a single tree by the side or even a telegraph pole for shade to rest under. I suffered terribly from the sun and from thirst, my tongue stuck and my breathing short. This agony lasted for hours. It is a miracle that I didn’t collapse from sunstroke on the way.

I had not foreseen this danger when I left, otherwise I would have taken a bottle of water and something to protect my head from the sun. From Konistres to Halkida, the road had been pleasant and I had always been able to rest in the shade, in that tropical vegetation in the south and centre of Evia. Water was always abundant. But there was nothing to eat. The only thing that I feared when I set out was crossing the Halkida bridge. I knew that the carabinieri carried out checks very strictly, and I supposed that this would be reinforced even more, in one way or another, when the exiles’ collective escape had become known. On the dawn of the third day of my escape, arriving in view of the carabinieri post, I prepared the paper which the bishop had given me. But no one stopped me or asked for anything. I greeted them and they greeted me. “Bongiorno Siniori, bongiorno Siniore”, and I passed.

At the road blocks, the Italians, like the Germans, only checked the buses and lorries and those on board. They didn’t pay any attention to pedestrians, particularly pedestrians like me who had bear feet and were dressed only in ragged trousers. At Thiva, I drank my fill of water and never has any drink seemed to me to be so sweet and delicious. Midday was long gone when I climbed into an old lorry which was going to Athens. Arriving at Dafni, where there was a German check point, I got off and set out on foot for Piraeus. I hoped to go to the house of the barber I had known in Konistres. We had talked about my escape and he had given me the address of his house. He had left Konistres a few days before and was in Piraeus.

It began to get dark. The road seemed interminable to me. I walked for hours, without knowing how to get my bearings, with the impression of being completely lost, in the total darkness imposed by the black-out, at an hour when it was strictly forbidden by the occupation authorities to be out of doors. I groped my way from wall to wall, avoiding even the back roads for fear of falling upon a German or a police patrol. I stopped at each instant and put my ear to the ground to listen for possible foot steps, remembering that they had told me to do that in the army. It must have been well past midnight when, without having met a living soul, I finally arrived in Kastella, at the address that I had been given by my friend from Konistres.

Even today I still can’t explain how I managed, in that darkness, to go from Dafni to Kastella. I had never made that journey before. I advanced like a sleep-walker, without trying to orient myself consciously. Did instinct guide me? There are such aspects of ourselves that we can’t explain. I knocked. A man appeared at the window, I told him who I was looking for and, to my misfortune, he told me that the barber had moved house a few days before. I thought for a moment to tell him who I was and ask him for asylum for one evening. But I was too late. Terrorised, he had already shut the window.

In despair I headed towards Faliro. On the way I saw a rather large isolated house, surrounded by a low wall. I climbed over it and jumped inside. An enormous dog ran to me, but without even opening its mouth. I stroked it and a little later my eyes closed with the dog in my arms. I woke up early in the morning and set out on foot for Athens. The only address which I remembered after so many years was that of a comrade who kept a cake shop in Kypseli. I found her and she led me to another friend’s house where, for the first time in months, I ate a well cooked meal in someone’s home. There they gave me socks, shoes and a jacket and they told me where I could find Tamtakos and the other comrades, and I went to find them.

Then began a life and an action which belonged to history and which will remain immortal, despite all those who try to cover them up or discredit them.

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In Evia http://stinas.blogsport.de/2011/06/03/in-evia/ http://stinas.blogsport.de/2011/06/03/in-evia/#comments Fri, 03 Jun 2011 11:37:50 +0000 Administrator Memoirs http://stinas.blogsport.de/2011/06/03/in-evia/ In mid-July we were on our way to the railway station, around seventy political prisoners, tied up and escorted by a crowd of gendarmes. In the morning they had taken us for disinfection in the bath and the steam room, but when the commander of the escort gave the order to leave, our clothes were still in the steam room. We retrieved them as best we could and wore them crumpled and sopping wet.

Some horrible wagons were waiting for us at the station. We protested and refused from the start to board, but when we saw a detachment of Germans preparing their machine guns, we hurriedly got into them. They shut us up in the wagons in the unbearable heat of July, and only opened them again on arrival at Halkida.

There, in the transfer section, during the formalities of handover and reception, some of us suggested that the bugs in the cells could be counted in millions and that we risked being “devoured” by them. We asked the sergeant-gaoler to remain in the courtyard and to let us lie down there. Faced with his refusal, we refused in turn to enter the cells and grappled with the gendarmes. Remboutsikas gave the sergeant a punch in the head which knocked him back two metres. Finally, they made us enter by force and locked us up thanks to the intervention of armed Italian mountain troops. The bugs didn’t wait for the night to throw themselves on us in their thousands. (…)

Yet, apart from the bugs and the beastliness of the sergeant, our stay in the transfer section of Halkida didn’t pass too badly. Of course the section didn’t give us anything to eat, and it was impossible to find what there was in the market. But the bishop of Halkida took care of that and we received a large enough quantity of peas every day. We cooked them ourselves and ate them. Skarimbas23came to visit the section. He saluted us one by one with a great deal of emotion, recommending courage and patience to us and gave each of us a packet of cigarettes and a box of matches.

At the end of July we were transferred to various police stations on Evia. They sent me to the one at Konistres, a village around an hour from Kimi, possessing a telephone and telegraph and a few shops. It was in some way the commercial centre of the region. Each Sunday there was a fruit and beans market.

The inhabitants behaved well towards me, as did the sergeant and the gendarmes. With the sergeant’s permission I rented a room, and on the order of the bishop of Karystos they gave me the same ration that the International Red Cross provided for children: gruel and raisins almost every day.

I established friendly relations with a barber from Piraeus who lived with his brother-in-law, an old atheist and two close sympathisers, one from the same village, the other from Passas, a little village inhabited almost entirely by workers in the lignite mines. They competed as to who could provide me with the most raisins and figs.

I passed my days in discussion with them, often openly, in the café. The sergeant was tolerant and didn’t care. The old man (who was called Mitsos Karalis) was famous. He knew very little about the revolutionary movement but he was a convinced atheist and he’d read a lot, particularly the authors that Marx and Engels had described as vulgar materialists (Büchner, etc.).

Bishop Panteleimon of Karystos (who then lived in Kimi) had taken on a real affection for all the exiles of the region. In addition to organising the provisions and medicines of the IRC, with which he helped the exiles and condemned men, he also seems to have been linked to the Allied secret services. A short time after our escape he also left for Egypt and returned with the government24 and the Rimini brigade3 as the Metropolitan of the armed forces. In the persons of these two bishops, that of Halkida and that of Karystos, we had known two men who demonstrated affection, sympathy and real concern for us. Kordatos and Dante were wrong when they placed them completely on the side of reaction, for one, and completely in Hell, for the other.

  1. [23] A well known poet and writer of the left. [zurück]
  2. [24] The Greek government in exile, which was in Cairo. [zurück]
  3. [25] The Greek brigade formed in Egypt which participated in fighting in Italy in 1943-1944, notably in the taking of Rimini. [zurück]
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In the transfer section of Piraeus http://stinas.blogsport.de/2011/02/13/in-the-transfer-section-of-piraeus/ http://stinas.blogsport.de/2011/02/13/in-the-transfer-section-of-piraeus/#comments Sun, 13 Feb 2011 18:26:49 +0000 Administrator Memoirs http://stinas.blogsport.de/2011/02/13/in-the-transfer-section-of-piraeus/ Mitte März 1942 werden Agis Stinas und seine GenossInnen aus dem Lager Akhronaflia verlegt. Doch auch die folgenden drei Monate in Piräus sind die Hölle:

In the transfer section of Piraeus

When the occupation authorities decided to empty Akhronaflia and to transfer the detainees elsewhere, they began with us. The reason for this preference was that the place where we were locked up had not been intended to serve as a prison. This was lucky for us. If we had remained a bit longer at Akhronaflia, none of us would have survived. A little after our transfer, the first collective execution of camp detainees was carried out as reprisals(21).

Of the seven who were then executed by the Italians, four would have been executed in any case by the Stalinists: Seïtanidis, adversary of the CPG since 1924, Thoïdis, Tsourtsoulis et Kastanias, all three excluded from the CPG and placed in permanent quarantine. Who made this selection? Was it by chance? The three others were Berketis, Anagnostopoulos and Koskinas. There was only one logical explanation: this selection was made by the leadership of the camp and the Stalinist leadership together. If we had still been there the governor would not have needed to ask the Stalinists who to hand over to the Italians for the firing squad. He knew who they had designated, those who he had already isolated as anarchists, agitators and people with no country, and he would have them ready for the first batch.

In mid-March 1942 they ordered our transfer to Piraeus. We had an appalling journey from Nafplio to Piraeus, tied up and packed tightly like sardines in a lorry. The behaviour of the gendarmes in our escort (Greek gendarmes in the service of the occupation authorities) was bestial. (…)

(…) They handed us over to the transfer section and we were locked up in the cells. There, for the first time, we saw with our own eyes the atrocious drama that the people lived in the first period of the Occupation. It wasn’t men who occupied the cells, but skeletons, shadows, human ghosts. Most, if not all of them, were accused of stealing from the occupation authorities. But no one was a professional thief. At that time everyone stole. The visitors had the same ghostly aspect. In the arms of the women who came to see their detained husbands there was nothing but a pile of bones. One could only distinguish in this little pile two big eyes filled with distress and reproach. Reproach towards the great executioners who had bloodied the whole country in such a small amount of time, but also towards the whole of humanity which had tolerated it, reproach for the generations and centuries to come.

Each time the wife of an imprisoned baker appeared in the visitor’s room, all the detainees, from behind the barred openings, cried out: “Madam baker, just a crumb of bread!” From a plate of beans (without oil, obviously) that you were passing to someone a bit of broth (that is to say, cold water) fell onto the foul ground while they were passing it through the grill of the cell. Everyone immediately fell on the ground to lick it up. Every day people died of hunger. The corpses were dragged away by their feet, to where the municipal lorry collected them, like so much rubbish.

Many days later, perhaps on the intervention of the Red Cross, every twenty four hours they gave us half a ladle of a soup whose colour made you think of maize, but it wasn’t. Some said it was the shavings of a tree from Ethiopia. In any case, we threw away more than we ate.

An Armenian lay on the same blanket as a boy from Chios, in the darkest corner of the cell. At mid-day, as well as his half-ladle of soup, he took that of his friend from Chios who, he told us, couldn’t get up. It’s only when he began to stink that we realised that he had been dead for several hours. Once, they brought to us three people who had stolen, killed and eaten a donkey. They all died in a few hours.

Lice swarmed. (…)

We must have been something like seventy political prisoners. In addition to us, who came from Akhronaflia, some exiles arrived from the islands of Folegandros and Gavdos, all Stalinists, apart from Tamtakos, who was a member of our organisation. The occupation authorities had decided to gather together all the politicals at Haïdari and Larissa. But the camps were still not ready and that’s why they provisionally kept us in the transfer section of Piraeus. A provisional arrangement which lasted a long time. We stayed in that hell until mid-July 1942, that is more than three months. We protested continuously and the Red Cross transmitted our protests to the occupation authorities and the government. They finally decided, while waiting for the camps to be ready, to send us to various police stations in Evia(22).. The whole time we were in Piraeus, comrades outside visited us every day, morning and afternoon, bringing us whatever provisions they had managed to gather. It is thus that a contact was re-established which had been broken for some years.

Tamtakos managed to escape. An escape organised in a very intelligent fashion – several days passed before the gaoler was aware of it. But he and the gendarmes then became enraged. As well as insults, swearing and threats, they took measures to make our lives more difficult. Yet the Greek gendarmes knew that we were hostages at the disposal of the Germans and generally destined for the firing squad.

When Voursoukis tried to flee and failed, because the waiter in the section café knew about it and informed the gendarmes, they beat him and locked him up in handcuffs. Pouliopoulos and Yannakos had been admitted to hospital.

(21)

The reprisals of the Germans and the Italians against the actions of the partisans.

(22)

A big island in the Aegean Sea connected to the continent by a movable bridge next to Halkida.

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»Lenin auch …« http://stinas.blogsport.de/2010/11/12/lenin-auch/ http://stinas.blogsport.de/2010/11/12/lenin-auch/#comments Fri, 12 Nov 2010 14:38:08 +0000 Administrator Ante Ciliga http://stinas.blogsport.de/2010/11/12/lenin-auch/ Im folgenden könnt ihr den bisher auf deutsch nicht verfügbaren Abschnitt über die Diskussionen der linken Kommunisten im Lager Werchne-Uralsk lesen. Dieser wäre nach der Überschrift auf der Seite 119 in der neuen deutschen Ausgabe von Ante Ciliga »Im Land der verwirrenden Lüge« einzufügen.

»Lenin auch …«

Im Gegensatz zur trotzkistischen Opposition, für welche die Lenin’sche Epoche ausserhalb jeder Kritik stand, scheuten die linkskommunistischen Gruppen nicht davor zurück, die gesamte revolutionäre Erfahrung in Russland infrage zu stellen. Alle diese Gruppen waren zwischen 1919 und 1921 in mehr oder weniger scharfer Opposition zu Lenins Politik entstanden. Während meiner Gefangenschaft im »Isolator« von Werchne-Uralsk war Lenins Rolle in der Revolution Gegenstand hitziger Debatten. Die trotzkistische Opposition beharrte darauf, Lenin habe immer recht gehabt. Nach diesem Dogma hatte Trotzki schon vor langem die »Richtigkeit« der Lenin’schen Positionen anerkannt. Darum billigte er auch Sinowjews Vorschlag, ihrer Oppositionsgruppe den Namen »Bolschewisten-Leninisten« zu geben. Später behauptete er sogar, das Konzept der »permanenten Revolution« (wie auch das sämtlicher anderer Konzepte des Trotzkismus, von denen jenes aber das bedeutendste war) stamme ursprünglich gar nicht von ihm, sondern von Lenin selber. Da Lenin die »permanente Revolution« befürwortet habe, seien sämtliche Meinungsverschiedenheiten der beiden lediglich formeller Natur und damit faktisch bedeutungslos gewesen. Grundsätzlich seien Lenin und Trotzki immer einig gewesen, lediglich in Detailfragen habe es Differenzen gegeben.

Durch diese nachträgliche Versöhnung der beiden sowie die Weigerung, ihnen gegenüber einen kritischen Standpunkt einzunehmen, wurden die heftig diskutierten Widersprüche beider Tendenzen überdeckt. Statt einer genauen Untersuchung der Tatsachen, wurde dem stalinistischen Mythos ein weiterer Mythos entgegengesetzt.

Andere, wie die Trotzkisten der V. B.-Gruppe (Voinstvuyshchii Bolshevik – militante Bolschewisten), räumten zwar schwerwiegende Differenzen zwischen Lenin und Trotzki ein. Sie gingen aber soweit, zu behaupten, dass in diesen wiederum fast immer Trotzki recht behalten habe. Was wiederum dazu führte, dass diese zitatverliebten Trotzkisten meistens Trotzki und nur selten Lenin heranzogen.

Die Gruppe der Demokratischen Zentralisten (Dezisten) nahm in den Diskussionen um Lenin eine gänzlich andere Position ein. Im Unterschied zu den Trotzkisten bestand sie zu einem großen Teil aus bolschewistischen Veteranen. Also war es folgerichtig, dass sie sowohl in ihrer Konzeption als auch in den Äussserungen der Mitglieder »leninistisch« auftrat. 1919 repräsentierte die Gruppe den lokalen Parteiapparats. Im Namen des »demokratischen Zentralismus« richtete die Gruppe sich gegen den »bürokratischen Zentralismus« von Lenins Zentralkommitee. Nach ihrem Standpunkt war Lenin von seinem eigenen Programm abgewichen, bzw. nicht in der Lage, zu erkennen, wohin seine Politik führen würde. Die Gründung der Gruppe war also erfolgt, um den Leninismus gegen Lenin zu verteidigen. Ohne es sich selber einzugestehen, brachten sie also den Lenin des revolutionären Aufstiegs gegen den des Niedergangs der Revolution in Stellung. Sie kritisierten Lenins Machtpolitik durch das Beharren auf den leninistischen Prinzipien von »Staat und Revolution«. Aber so grundlegend Lenins Schrift von 1917 auch gewesen sein mochte, konnte sie kaum alle Fragen, die sich im weiteren Verlauf der Revolution stellten, beantworten.

In den Jahren ihres Bestehens (1919 – 1929) schwankte die Gruppe immer zwischen der Kapitulation vor Lenins Ultimatum und der Unterstützung der Trotzkisten in ihrem Kampf gegen Stalin. Die eigene Orientierung darauf, »päpstlicher als der Papst« zu sein, erwies sich als zu steril. Der Fünf-Jahresplan erschütterte die Gruppe grundlegend. Die meisten Mitglieder – wie auch die meisten Trotzkisten – knickten ein. Das Ende der NEP und damit die Liquidierung des Kleinbürgertums bedeute den Aufbau des Sozialismus. Dadurch habe sich die eigene Position als falsch erwiesen. Schließlich ließe sich auch »kein Omelett machen, ohne dafür Eier zu zerschlagen«. Bevor der Sozialismus vollständig aufgebaut ist, muss ein weiteres schwieriges Stadium durchlaufen werden, das der Liquidation der letzten Kapitalistenklasse, der Kleinbourgeoisie. So erklärte Timofei Sapronow, Führer der Gruppe und einer der bekanntesten bolschewistischen Arbeiter Russlands, den Standpunkt der »Kapitulatoren«.

Im Rahmen der Prinzipien des Leninismus ist eine solche Position nicht ohne Logik. Lenins gesamte Strategie nach dem Oktober beruhte auf der These, die alleinige Bedrohung des Proletariats wie der Revolution ginge von Kleinbürgertum und Privatkapitalismus aus. Indem die Dezisten am Vorabend des Fünf-Jahresplans feststellten, der Sieg des Kleinbürgertums habe die UdSSR in einen kleinbürgerlichen Staat verwandelt, folgten sie einem durch Lenin begründeten Argumentationsmuster. In dessen Konzept gab es keine andere Form der Konterrevolution (als die kleinbürgerliche).

Dann kam der Fünfjahresplan, dem Kleinbürgertum wurde der Krieg erklärt, um es anschließend zu liquidieren. Nun galt es, sich zu entscheiden: Entweder blieb man Anhänger der leninistischen Thesen und sah mit dem Fünf-Jahresplan die Verwirklichung des Sozialismus. Oder aber man blieb mit Lenin bei der Realität und gab zu, dass eine »Dritte Macht« – die Bürokratie und mit ihr der Staatskapitalismus – gesiegt hatte. Diejenigen Dezisten, welche nicht kapituliert hatten, nahmen diesen zweiten Standpunkt ein. Allerdings konnten sie sich nur langsam, Schritt für Schritt, dazu durchringen. Diese Neubewertung bedeutete ja faktisch eine Abkehr von allen Lenin’schen »Nach-Oktober«-Ideen wie auch von einigen aus der »Vor-Oktober«-Zeit.

Die kleine Dezistengruppe im »Isolator« spaltete sich während dieses Prozeß in drei oder vier Fraktionen. Einige vertraten weiterhin den Standpunkt, dass Lenin nach dem Oktober zwar einige kleinere Fehler begangen, im Großen und Ganzen jedoch recht behalten habe. Erst unter Stalin sei es zum Abweichen von seiner Linie gekommen. Andere kamen zu der Einschätzung, dass noch zu Lebzeiten Lenins mit der Etablierung der NEP die bürgerlich-demokratischen Strukturen der Revolution die Oberhand über die sozialistischen gewonnen hatten, was Lenin selbst nicht erkannt habe. Die dritte Fraktion erklärte – im Gegensatz zu allen bisherigen Proklamationen – die sozialistische Struktur in der Revolution sei schon immer schwächer als die kleinbürgerliche gewesen.

Die Revision des Leninismus betraf im Folgenden nicht länger nur die Frage nach dem Staatskapitalismus, sondern auch jene nach der Diktatur des Proletariats. Im Jahr 1920, als Lenin die These von der Diktatur einer einzigen Partei aufstellte, hatten die Dezisten zugestimmt und darum mit der Arbeiteropposition gebrochen, welche sie dafür heftig anprangerte. Die tatsächliche Erfahrung der Partei-Diktatur hatte sie zur Abkehr von ihrer ursprünglichen Position gebracht. Sie begannen zu verstehen, dass ohne Arbeiterdemokratie auch in der Partei keine Demokratie herrschen kann.

Die Neubewertung Lenins politischer Ideen ging schneller von statten als die seiner ökonomischen Vorstellungen. Während meines zweijährigen Exils konnte ich sämtliche Drehungen und Wendungen verfolgen; an ihrem Endpunkt stand eine sehr kritische, wenn nicht gar feindselige Haltung gegenüber dem theoretischen Werk des »Nach-Oktober« Lenin. Tonangebend bei dieser Kritik des Lenin der revolutionären Epoche war die Arbeiteropposition von 1920, genauer gesagt, deren linker Flügel. Der organisierte sich 1922 unter dem Namen »Arbeitergruppe«. Ihre Mitglieder wurden nach ihrem Anführer Miasnikow, einem bekannten bolschewistischen Arbeiter und einer der exponiertesten Revolutionäre, auch als »Miasnikowisten« bezeichnet.

»Arbeitergruppe«
und »Arbeiteropposition« entstammten wie die »Dezisten« entstammten ursprünglich der alten Garde des Bolschewismus, hatten aber im Gegensatz zu diesen Lenins Kurs nicht nur in Detailfragen, sondern insgesamt infrage gestellt. Die »Arbeiteropposition« stellte Lenins ökonomische Linie in Frage; die «Arbeitergruppe« ging noch weiter und attackierte das, schon vor Einführung der NEP entwickelte politische Modell, der Ein-Parteien- Herrschaft. Mit Sergey Tryunow hatte diese Gruppe im »Isolator« einen hochgebildeten, ebenso aktiven wie kompromißlosen Vertreter. Nach Meinung einiger sollen seine Charaktereigenschaften denen von Netschajew geähnelt haben.

Mit Marx`Motto für die erste Internationale – »Die Befreiung der Arbeiter kann nur die Sache der Arbeiter selber sein!«, erklärte die Arbeitergruppe dem leninistischen Konzept der Parteidiktatur wie auch der bürokratischen Organisierung der Produktion an den Krieg. Lenin hatte diese beiden Positionen zu Beginn des Niedergangs der Revolution eingenommen. Sie verlangten, dass die Produktion durch die Massen selber auf Basis von Fabrikkollektiven organisiert werden solle. Staats- wie auch Parteimacht müssten durch die Arbeitermassen kontrolliert werden. Als die wirklichen Führer des Landes hätten diese das Recht, jeder, auch der kommunistischen, Partei die Macht zu entziehen, sollte diese nicht ihre Interessen vertreten. Im Gegensatz zu Dezisten und Arbeiteropposition, für die sich das Konzept der »Arbeiterdemokratie« auf die ökonomische Sphäre beschränkte, forderte die Arbeitergruppe, dass die ProletarierInnen zwischen verschiedenen Parteien des Arbeitermilieus müssten wählen können. Der Sozialismus könne nur frei – durch die Arbeiter selber – erschaffen werden. Ein unter Zwang errichteter Sozialismus, sei von Anfang an nichts weiter als bürokratischer Staatskapitalismus. Im Jahre 1923, während der größten von ihr angeführten Streiks, wandte sich die Arbeitergruppe mit einem Manifest an das russische wie internationale Proletariat. In ihm vertraten sie ihre Sicht der Dinge klar und ohne falsche Zurückhaltung. Sie brandmarkten die sich im Bolschewismus verstärkende Tendenz, statt der Arbeiterklasse den »Führerkult« zur Grundlage zu machen. Dieses Manifest ist eines der bemerkenswertesten Dokumente der russischen Revolution. Veröffentlicht zur Zeit deren inneren Zusammenbruchs, hat es die gleiche Bedeutung wie Babeufs »Manifest der Gleichen« zum Niedergang der französischen Revolution.

Während meiner Haft im »Isolator« beteiligte ich mich erst spät an Diskussionen über Lenins Rolle. Ich gehörte einer Generation junger KommunistInnen an, für die Lenin unantastbar war. Für mich stand ausser Frage, dass er immer recht gehabt hatte. Die Ergebnisse – die revolutionäre Eroberung der Macht wie ihr Erhalt – sprachen schließlich dafür. Dadurch waren für mich und meine Generation sowohl Taktik als auch Mittel gerechtfertigt.
Kurz nach meiner Ankunft im »Isolator« hatte ich mich in diesem Sinn geäußert. So war ich einigermaßen empört, als sich die Dezistin Propokenya mir sarkastisch sagte: »Genosse Ciliga, es ist nutzlos, sich für Lenins Kampf gegen die Bürokratie zu ereifern. Du berufst dich auf einen der letzten Artikel, die vor seinem Tod erschienen sind, über die Reform der Arbeiter- und Bauern- Inspektion. Hat er darin die Massen dazu aufgerufen, sich gegen die Bürokratie zu organisieren? Nein! Zur Bekämpfung der Bürokratie schlug er die Schaffung eines super-bürokratischen Organs mit gutbezahlten Mitgliedern vor.«
Prokopenya fuhr fort : »Nein, ausländischer Genosse – gegen Ende seines Lebens hatte Lenin das Vertrauen in die Arbeitermassen verloren. Aus Angst vor dem Übereifer des bürokratischen Apparats auf den er sich stützte, versuchte er, das Übel dadurch zu bekämpfen, einen Teil des Apparats den anderen kontrollieren zu lassen.« Nach kurzer Pause: »Wir sollten das nicht an die große Glocke hängen – das würde Stalin nur zusätzliche Argumente liefern. Aber es ist eine Tatsache.«

Ich verspürte nur geringe Neigungen, mich tiefer mit Diskussionen und Streitigkeiten der Vergangenheit zu befassen – schließlich war ich überwältigt durch die Probleme der Gegenwart. Es schien mir, als würden diese Gruppen die Bedeutung ihrer alten Differenzen mit Lenin überbewerten. Das Schicksal der Revolution hing meiner Meinung nach nicht davon ab, ob eine Tendenz bereit war einer bestimmten Formel oder These ihre Zustimmung zu geben. Sie hing von den Kräfteverhältnissen im Klassenkampf ab.

Organisatorische, politische und ökonomische Fragen stellten sich mit fortschreitender Erfüllung des Fünf-Jahresplans immer drängender. Probleme scheinbar historischer Natur drängten in den Vordergrund. Nach Eliminierung von Kleinbürgertum und Privatkapital standen sich auf dem Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung nur noch Bürokratie und Proletariat gegen.

»Was ist der Sozialismus – und wie läßt er sich erreichen?« Die Lösung dieser Frage lag nun innerhalb der Formen der Organisierung selber. Technische Fragen der Organisierung erwiesen sich als soziale Fragen. Der Kampf der arbeitenden Massen gegen die Bürokratie musste von nun an als Kampf gegen die Organisationsformen geführt werden, welche diese Bürokratie der Ökonomie gegeben hatte. Aber diese Formen hatte Stalin von Lenin übernommen. Trotz ihrer Zerrissenheit und internen Auseinandersetzungen muss die russische Revolution in ihrer organischen Gesamtheit begriffen werden. Darum kann Lenin von seiner Verantwortung für solche Fehlentwicklungen nicht entlastet werden.

Der Myasnikowist Tiyunov schrieb als Auseinandersetzung mit dem historischen Disput um bürokratische versus sozialistische Organisierung der Produktion einen Essay. In diesem kritisierte er die militärischen Maßnahmen, die Trotzki während der Periode des Kriegskommunismus durchführen ließ, um die Produktion aufrecht zu halten.

Der junge Dezist Jacques Kosman verfaßte eine brilliante historische Studie über die sogenannte »Gewerkschaftsfrage«. Darin kam er zu dem Schluß, dass Lenin durch die Art und Weise, in der er die Industrie organisierte, diese völlig in die Hände der Bürokratie übergeben hatte. Die unmittelbare Konsequenz der Eroberung der Fabriken durch die Bürokratie bedeutete für das Proletariat die Niederlage der Revolution.

Der Dezist Misha Shapiro nahm in seiner Erwiderung auf diesen Text einen traditionell dezistischen Standpunkt ein: Die Auseinanderstzungen um die verschiedenen Organisationsmodelle seien nicht von grundsätzlicher Bedeutung. Laut Shapiro vertrat die Arbeiteropposition nicht die Interessen des Proletariats, sondern die der Gewerkschaftsbürokratie. Falls die Forderungen nach Übergabe der Fabriken an die Gewerkschaften durchgesetzt würden, bestehe der einzige Unterschied darin, dass die Fabriken nunmehr von der Gewerkschafts- anstelle der Parteibürokratie geleitet würden.

Das Proletariat benötigte im Kampf gegen die Bürokratie Organisations-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Aber das führte zu der durch Lenin, Trotzki und die Dezisten abgelehnten Forderung Myasnikows, auch die Partei frei wählen zu können. Selbst der größte Teil der DezistInnen sowie fast alle TrotzkistInnen behaupteten weiterhin, die Freiheit, die Partei wählen zu können, bedeute das Ende der Revolution. »Die Freiheit der Parteiwahl – das ist Menschewismus« – lautete das endgültige Verdikt der TrotzkistInnen. »Der sozial homogene Charakter des Proletariats bedeutet, dass seine Interessen nur von einer einzigen Partei vertreten werden können!«, schrieb der Dezist Davidow, und seine dezistische Genossin Nyura Yankovskaya fragte: »Wieso sollte Demokratie nach Innen nicht verbunden sein mit Diktatur nach Aussen?« »Die Pariser Commune unterlag, weil es in ihr zu viele Parteien gegeben hat. Bei uns gibt es nur eine einzige. Bedeutet dies etwa unser Scheitern?« entgegnete Dora Zak Davidow. Der junge Dezist Volodya Smirnov ging sogar soweit zu sagen: »In Russland hat es weder eine proletarische Revolution noch eine Diktatur des Proletariats gegeben – nur eine Volksrevolution von unten und eine Diktatur von oben. Lenin war niemals Ideologe des Proletariats – von Anfang bis Ende war er Ideologe der Intelligentsia.«

Hinter diese Ideen stand Smirnows Grundannahme, die Welt steuere auf ein neues Gesellschaftsmodell zu- dem Staatskapitalismus, mit der Bürokratie als neuer herrschender Klasse. Für diese Position waren Sowjetrussland, die kemalistische Türkei, das faschistische Italien, Deutschlands Weg in den Hitlerismus sowie das Amerika von Hoover und Roosevelt auf der gleichen Ebene angesiedelt. »Der Kommunismus ist ein extremer Faschismus, wie der Faschismus ein moderater Kommunismus ist.« schrieb er in seinem Artikel »Komfaschismus«. Dieses Konzept vernachlässigte die sozialistischen Perspektiven. Für Davidow, Shapiro und die Mehrheit der dezistischen Fraktion war Smirnows Ketzerei nicht mehr diskutierbar, und er wurde umgehend aus der Gruppe ausgeschlossen.

Ich erkannte die Bedeutung vergangener Konflikte für die Probleme der Gegenwart und begann, diese gründlich zu studieren. Die Nuancen in der Interpretation dieser Fragestellungen erforderte sowohl kritische Betrachtung wie auch die Entwicklung einer eigenen Sichtweise. Vor zehn Jahren hatten sich meine GenossInnen an diesen Fragen unwiderruflich zerstritten. Mit dem Abstand von 15 Jahren revolutionärer Erfahrungen konnte ich nun klarer und bewusster als sie damals über diese Fragen urteilen.

Indem ich Lenins Epoche einer kritischen Analyse unterwarf, betrat ich das Allerheiligste des Kommunismus wie auch meiner eigenen Ideologie. Ich unterzog Lenin, den durch unsterblich- revolutionären Ruhm ausgezeichneten Führer und Propheten, einer kritische Überprüfung, mehr noch, ich tat das gleiche mit den Legenden und Mystifzierungen nach- revolutionärer Mythenbildung.

Aber trotz der mich umgebenden Atmosphäre kritischen Denkens, wagte ich mich sozusagen nur auf Zehenspitzen in jenes Allerheiligste. Ich gehorchte der inneren Stimme: »Um die Erfahrungen und Lehren der Revolution wirklich zu begreifen, darf vor Nichts zurückgeschreckt werden – es muß genauso mitleidlos vorgegangen werden, wie es die Revolution selber getan hat.« Aber eben dies ließ auch große Schuldgefühle in mir entstehen.

[hier folgt nun in der deutschen Ausgabe Seite 119: Indem ich die Epoche Lenins einer kritischen Analyse unterzog betrat ich das Allerheiligste des Kommunismus und meiner eigenen Ideologie.]

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Rezensionen von Ante Ciligas Buch http://stinas.blogsport.de/2010/10/30/rezensionen-von-ante-ciligas-buch/ http://stinas.blogsport.de/2010/10/30/rezensionen-von-ante-ciligas-buch/#comments Sat, 30 Oct 2010 10:00:14 +0000 Administrator Ante Ciliga http://stinas.blogsport.de/2010/10/30/rezensionen-von-ante-ciligas-buch/ Die Wiederveröffentlichung des Buches »Im Land der verwirrenden Lüge« von Ante Ciliga hat mittlerweile auch die ersten Rezensionen provoziert. Wir können mit vorsichtigem Optimismus feststellen, dass scheinbar »historische« Themen heute wieder aufgegriffen werden. Dahinter steckt kein abstrakt »historisches« Interesse, sondern die Frage der gesellschaftlichen Perspektive – sprich dem Kommunismus. Gerade in dem dunkelsten Kapitel der modernen Menschheitsgeschichte – eingeklemmt zwischen Stalinismus und Faschismus, war das Ringen um revolutionäre Positionen besonderen Prüfungen unterworfen, war doch die revolutionäre Phase um 1917 noch in naher Vergangenheit.

Heute befinden wir uns in einer anderen historischen Phase, die Klassenkämpfe nehmen wieder zu, doch die revolutionäre Perspektive ist noch schwach und bedroht von Illusionen und Konfusionen. Im nächsten Schritt wird hier ein bisher auf deutsch nicht zugängliches Kapitel aus Ante Ciligas Buch veröffentlicht werden, welches die Diskussionen unter den linkskommunistischen Gruppen (Demokratische Zentralisten, Arbeitergruppe, linkstrotzkistische Abspaltungen) in den russischen Lagern nachzeichnet. Ihr Ringen mit Illusionen und Konfusionen ist uns heute immer noch relativ nah.

Danach wird die schrittweise Veröffentlichung von Agis Stinas Memoiren fortgeführt.

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Buchbesprechung Ante Ciliga http://stinas.blogsport.de/2010/10/12/buchbesprechung-ante-ciliga/ http://stinas.blogsport.de/2010/10/12/buchbesprechung-ante-ciliga/#comments Tue, 12 Oct 2010 17:34:07 +0000 Administrator Ante Ciliga http://stinas.blogsport.de/2010/10/12/buchbesprechung-ante-ciliga/ Auf der Buchvorstellung und Diskussionsveranstaltung zur Wiederauflage des Ante Ciliga Buches waren zu meiner Überraschung ca. 30 Leute. Trotz Abwesenheit von TrotzkistInnen und StalinistInnen wurde sehr kontrovers diskutiert. Zwischen AnarchistInnen, libertären KommunistInnen, RätekommunistInnen, LinkskommunistInnen, InternationalistInnen – welche Selbstzuschreibung oder welches Label auch immer gewählt wird – gibt es offensichtlich noch oder vielleicht eher wieder viel zu diskutieren. Dies sollte ausgebaut werden!

Hier möchte ich auf eine kleine Buchbesprechung hinweisen, eine ausführlichere wird sicherlich noch folgen:


[Anmerkung
: Mittlerweile ist ein ausführlicher Artikel in der Weltrevolution 163 erschienen, der den Schwerpunkt auf die Bedeutung des Buches für die weitere linkskommunistische Diskussion in den ’30ern in Frankreich legt. Sehr lesenswert!]

Ante Ciliga: „Im Land der verwirrenden Lüge“

Die deutsche Ausgabe von Ante Ciligas »Im Land der verwirrenden Lügen« ist endlich wieder aufgelegt worden. Der erste Teil des Buches erschien 1938 in Frankreich mit dem Titel »Au pays du grand mensonge«. Ciliga beschreibt seine Erlebnisse und Beobachtungen von 1926 bis 1933 in Moskau, Leningrad und Werchne-Uralsk. Seinen Weg vom kommunistischen Kader und Ausbilder, zur trotzkistischen Oppositon, von dort in den Knast und ins Lager. Im Lager nahm er aktiv an den Debatten und Aktionen der weit aufgefächerten kommunistischen Oppositon teil. Dieses Buch schlug hohe Wellen in der anti-stalinistischen Linken.

Ante Ciliga begann seine Politisierung 1918 in der kroatischen sozialdemokratischen Partei, in der er 1919 bereits einen linken Flügel bildete, um sich noch im selben Jahr – nach Beteiligung an der ungarischen Revolution – der frischen jugoslawischen KP anzuschliessen. Für seine weitere Biografie sei an das ausführliche Nachwort von Stephen Schwartz (erschienen u. a. in Revolutionary History) und Philippe Bourrinets Text »Nationalistische Barbarei oder Weltrevolution? – Ante Ciliga (1898-1992) – Lebensweg eines Kommunisten aus Kroatien« (erschienen im Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit Nr. 13) verwiesen.

Sein Buch legt Zeugnis ab über die Debatten der rechten und linken Bolschewisten-Leninisten (wie sich die Trotzkisten nannten), Dezisten (Demokratische Zentralisten) und Anhängern der Arbeitergruppe (siehe Artikel zur russischen Linken in dieser SoB). Gerade um die Frage des Charakters des Staates, der diese Oppositionellen in Knast und Lager hielt, wurde immer wieder heftigst gestritten. Ciliga selbst trennte sich 1932 im Lager von Trotzkis Analyse des degenerierten Arbeiterstaates und schloss sich den Positionen der linken Kommunisten an, die Russland als staatskapitalistisch bezeichneten. Dieser Bruch wurde in Frankreich erneuert und endgültig vollzogen. Veröffentlichte Trotzkis Bulletin im Februar 1936 noch den Artikel »staatliche Repression in der UdSSR«von Ciliga, stand er einige Monate später für Trotzki auf der anderen Seite der Barrikade.

Neben der in der deutschen Ausgabe leider gekürzten Dokumentation dieser politischen Entwicklung (während die englische Ausgabe 573 Seiten umfasst, kommt die deutsche nur auf knappe 300), zeigt sich auch die Fähigkeit von Ante Ciliga die Klassenrealität von unten genau zu beschreiben. Diese eindrucksvollen Skizzen setzen sich im 2. Teil des Buches (1941 in Frankreich unter dem Titel »Sibérie, terre d‘exil et de l‘industrialisation« erschienen) fort.

Die heutige Lektüre ist immer noch anregend, um sich ein weiteres Puzzlestück der Geschichte (wieder) anzueignen. Die Debatte der kommunistischen Linken war 1938 auch unter den schwierigsten Bedingungen von Stalinismus, Faschismus und aufziehendem Weltgemetzel noch eine internationale. So vollzog die (österreichische) Gruppe RKD (Revolutionäre Kommunisten Deutschlands) nach ausgiebiger Diskussion (nach Lektüre des Buches) den Bruch mit dem Trotzkismus und war in der Lage im besetzten Frankreich eine Propaganda für den revolutionären Defätismus zu entwickeln.

Die Herausgeber sind für den fairen Preis von 12 Euro zu loben und dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen, so dass ähnliche Projekte ermöglicht werden können. Die massenhaften Zeichenfehler der digitalen Übertragung sind dann hoffentlich zu korrigieren.

Das Buch bekommt ihr im Buchladen, bei der SoB oder bei: http://www.diebuchmacherei.de

[veröffentlicht in der Sozialismus oder Barbarei Nr. 22]

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